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Bewegte Geschichte Der „alfried Krupp“ Neujahr 1995: Als die Retter selbst in Not gerieten

Borkum - Zieht Nordwest-Wind auf, sind die Seenotretter in Borkum alarmiert. Dann türmen sich die Wellen auf offener See auf und brechen am vorgelagerten Riff. „Und das ist dann richtig gefährlich“, sagt Ralf Brinker. Der Einsatzleiter kennt den steilen Wellengang bei Nordwest-Wind genau. Schließlich rücken der Vormann des auf Borkum stationierten Seenotkreuzers und seine Besatzung gerade dann aus, wenn es für andere bedrohlich wird.

In dem anspruchsvollen Gebiet bei Borkum waren die Retter 32 Jahre lang mit der „Alfried Krupp“ im Einsatz. Jetzt hat der Kreuzer ausgedient. Die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) ersetzt ihn durch einen modernen Neubau der 28-Meter-Klasse. Zehn Millionen Euro kostet eine solche Rettungseinheit. Die Bauzeit beträgt ein Jahr. Die künftige „Hamburg“ liegt seit Mittwoch im Schutzhafen auf Borkum. „Klar freue ich mich auf ein neues Schiff. Aber das Herz hängt einfach an der alten Kiste“, sagt Brinker und lacht. Der 54-Jährige ist 25 Jahre lang mit der „Alfried Krupp“ und ihrem Tochterboot „Glückauf“ zur See gefahren. Er hat den Kreuzer nach dessen schwerem Unglück im Jahr 1995 als zweiter Vormann übernommen.

Kreuzer kentert nach Einsatzfahrt durch

Auch in der Nacht auf den 2. Januar vor 25 Jahren tobte ein Orkan aus Nordwest-Richtung über die Nordsee. Bei starkem Wellengang geriet ein Frachter westlich von Borkum in Seenot. Ein Kreuzer der niederländischen Seenotretter rückte aus, um dem manövrierunfähigem Schiff zu helfen. Dabei ging einer der Retter über Bord. Die Borkumer Einsatzkräfte machten sich auf den Weg, um bei der Suche nach ihrem niederländischen Kollegen zu helfen. Auf dem Rückweg von diesem Einsatz gerieten sie selbst in Gefahr. Westlich von Borkum kam die „Alfried Krupp“ in eine schwere Grundsee und kenterte. Wie alle Schiffe der Seenotretter richtete sie sich von selbst wieder auf. Der Maschinist Theo Fischer (51) aus Ditzum war da allerdings verschwunden. Sein Leichnam wurde erst im August nördlich von Borkum geborgen.

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Die „Alfried Krupp“ war nach dem Manöver schwer beschädigt und setzte selbst einen Notruf ab. Die Maschinen hatten sich abgeschaltet. Der Mast war abgeknickt und die Scheiben eingedrückt. Die verbliebenen Rettungskräfte waren teils schwer verletzt. Ein Hubschrauber der Marine suchte nach der „Alfried Krupp“ und versuchte, die Männer von Deck zu bergen. Die Wellen türmten sich in der Nacht im Schnitt 13 Meter hoch auf. Zehnmal versuchte die Besatzung der „Alfried Krupp“, das rettende Seil zu greifen - vergeblich. Vormann Bernhard Gruben (53) aus Neuharlingersiel schickte seine Männer zurück ins schützende Deckhaus. Er selbst machte sich als letzter auf den Weg, als ihn eine plötzliche Sturzsee von Bord riss.

Einem Rettungskreuzer aus Norderney gelang es schließlich, die „Alfried Krupp“ nach Eemshaven in den Niederlanden zu schleppen. Drei Tage dauerte die erfolglose Suche nach den beiden vermissten Seenotrettern. Bernhard Grubens Leichnam wurde Ende Februar am Strand von Juist geborgen.

45 Retter starben im Dienst

Seit ihrer Gründung hat die DGzRS 45 Seenotretter im Dienst verloren. Hochgerechnet 2000 Menschen hat allein die „Alfried Krupp“ von Borkum aus gerettet. Nach dem Unglück wurde sie repariert und ein halbes Jahr später wieder in Fahrt gesetzt. Im selben Jahr kam Ralf Brinker nach Borkum. „Es war ein komisches Gefühl“, erinnert er sich. „Auf ein Schiff einzusteigen, auf dem zwei Kollegen verunglückt waren, war schlimm.“ Der Respekt vor der See begleite ihn immer. „Wir wissen, was passieren kann“, sagt der Vormann. Weshalb er und seine etwa 1000 Kollegen bei den Seenotrettern trotzdem bei Sturm und Unwetter ausrücken? Da muss er nicht lange überlegen. „Sie brauchen bloß mal jemandem in die Augen schauen, den sie gerade aus der Not gerettet haben. Dann wissen Sie warum.“

Die Nordwest-Winde sind in den vergangenen Jahren seltener geworden. Das hat Brinker beobachtet. Weshalb weiß er nicht, es ist ihm aber auch nicht wichtig. Er wird künftig mit der SK40, bald „Hamburg“, rausfahren, um die See zu kontrollieren und Menschen zu retten. Auf den neuen Kreuzer warten im Schnitt bis zu 90 Einsätze pro Jahr.

Svenja Fleig
Svenja Fleig Thementeam Wirtschaft
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