Borkum - Geraten Schiffe oder Wassersportler in Not, dann rücken die Seenotretter aus. Von Borkum aus hat die Besatzung des Kreuzers „Alfried Krupp“ allein im vergangenen Jahr 55 Menschen gerettet. Nach 32 Jahren in einem besonders anspruchsvollen Gebiet hat der Kreuzer nun ausgedient. Am Mittwoch legte der Nachfolger am Schutzhafen in Borkum an.
Weshalb wird die „Alfried Krupp“ ersetzt?
Die Seenotkreuzer sind bei ihren Kontroll- und Einsatzfahrten bei Sturm und starkem Wellengang hohen Belastungen ausgesetzt. Im Durchschnitt nutze die Deutsche Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) ihre Kreuzer etwa 30 Jahre lang, erklärt Sprecher Christian Stipeldey. Mit der Zeit werde es aber immer schwieriger und teurer, die Schiffe instandzuhalten und Ersatzteile zu beschaffen. Deshalb sorge die Gesellschaft rechtzeitig für Ersatz.
Die „Alfried Krupp“ war von Borkum aus 32 Jahre lang im Einsatz. Der Kreuzer gehört zur 27,5-Meter-Klasse, die seit 2015 durch die neue 28-Meter-Klasse ersetzt wird. Der Nachfolger, der künftig „Hamburg“ heißen soll, ist der vierte Kreuzer dieser Baureihe. In Amrum, Laboe und Cuxhaven sind bereits baugleiche Schiffe stationiert. Zwei weitere entstehen gerade für die Stationen in Grömitz und Darßer Ort.
Was ist mit dem modernen Kreuzer möglich?
Die neue 28-Meter-Klasse soll laut Sprecher Stipeldey speziell an wichtigen Küstenpunkten eingesetzt werden. Die Kreuzer sind darauf ausgelegt, auch die Großschifffahrt abzusichern. Wie alle Rettungsschiffe der DGzRS sind sie als Schweißkonstruktion aus Aluminium gebaut. Dadurch sind die Kreuzer vergleichsweise leicht, während ein Netzspantensystem im Rumpf für Stabilität sorgt. Die Schiffe sind schließlich gerade bei schwerem Seegang unterwegs. Sollte ein Rettungskreuzer doch einmal kentern, so richtet er sich durch die Bauweise von selbst wieder auf.
Bei der Entwicklung der neuen Klasse habe man die Erfahrungen der Vormänner, die Mannschaften an Bord der Vorgängermodelle geleitet haben, berücksichtigt, sagt Stipeldey. So ist das Deckshaus mit der Kommandobrücke nun vollständig geschlossen. Die Kreuzer der neuen Klasse sind außerdem schneller als ihre Vorgänger und haben gleichzeitig weniger Tiefgang. Die Notfallausrüstung hingegen bleibt vergleichbar: Es gibt nicht nur ein Bordhospital, sondern unter anderem auch eine Feuerlöschpumpe und ein Schleppgeschirr.
Wie auch die Vorgänger führen die Kreuzer der 28-Meter-Klasse ein Tochterboot mit sich. Dieses kann unabhängig vom Kreuzer operieren. Meist unterstützt es aber einen Einsatz, beispielsweise im flachen Wasser oder, wenn unterkühlte Schiffbrüchige geborgen werden müssen.
Die Bauzeit eines solchen Rettungskreuzers mit Tochterboot beträgt ein Jahr. Etwa zehn Millionen Euro steckt die DGzRS laut Stipeldey in einen Kreuzer. Wie ihre gesamte Arbeit finanziere die Gesellschaft den Bau der neuen Schiffe ausschließlich über Spenden und freiwillige Beiträge. Öffentliche Mittel beanspruche sie nicht. Für die „Hamburg“ hatte die DGzRS eigens eine Spendenaktion in der Hansestadt gestartet. Daher auch der Name. Wie das Tochterboot heißen soll, will Stipeldey aber noch nicht verraten. Das soll erst bei der Taufe des Kreuzers bekannt werden – und diese ist wegen der Corona-Pandemie erst einmal verschoben. Bis dahin wird das Schiff unter der Bezeichnung SK 40, das Tochterboot als TB 44 operieren.
Was erwartet die „Hamburg“ in ihrem neuen Einsatzgebiet?
Die „Hamburg“ erwarten im Schnitt bis zu 90 Einsätze pro Jahr. Auf Borkum befindet sich die westlichste der 55 Stationen der deutschen Seenotretter. Dort operieren die neun festangestellten und 15 freiwilligen Helfer in einem laut Stipeldey besonders anspruchsvollen Gebiet. Neben der offenen See gibt es im Mündungsgebiet der Ems viele Sandbänke. Zur Großschifffahrt sind in den vergangenen Jahren noch Schiffe hinzugekommen, die zu den Offshore-Windparks unterwegs sind. Wegen der anspruchsvollen Bedingungen ist die Besatzung des Rettungskreuzers mehrmals in der Woche auf See, um die Lage zu erkunden. Diese müssten die Retter beispielsweise nach stürmischen Tagen noch vor den elektronischen Seekarten kennen, erklärt Stipeldey. „Sie müssen sich in ihrem Revier wie in ihrer Westentasche auskennen.“
Was passiert mit der ausgedienten „Alfried Krupp“?
Die „Alfried Krupp“ soll am Freitag ein letztes Mal von Borkum ablegen. Dann macht sie sich auf den Weg nach Amrum. Dort vertritt der Kreuzer die „Ernst Meier-Hedde“, die turnusmäßig überholt wird. Anschließend geht es nach Wilhelmshaven, wo er bei einer Werft auf seinen Verkauf vorbereitet wird. Die Schiffsglocke der „Alfried Krupp“ bleibt indes im Heimatmuseum der Insel. Von dort aus wurden von dem Kreuzer hochgerechnet etwa 2000 Menschen gerettet.
