Canhusen - Wenn es in der Gemeinde Hinte einen Ort gibt, der als Kulisse für eine Bullerbü-Folge dienen könnte, dann steht Canhusen in der Auswahl ganz vorne. Abseits der großen Straßen eine kleine Schar Häuser um die niedliche Kirche gedrängt, durchdrungen vom Aroma der Landwirtschaft, mit Pferden auf Wiesenstücken, einem eifrig bellenden Hund, ein paar Jungs, die auf gepflasterten Straßen spielen – so schmal, dass man für Transporte zum Handkarren greifen möchte. Man versteht, was Alex de Buur meint, wenn er sagt: „Es ist schön ruhig. Ich wohne so gerne hier.“ Er muss es wissen, denn der 79-Jährige hat dort mit kleinen Unterbrechungen schon sein Leben verbracht.

Der einstige Name war Kanenghusen

Canhusen hat heute etwa 170 Einwohner, womit die Zahl sich nach Jahren der Abwanderung stabilisiert hat. Urkundlich erwähnt wurde die Ortschaft erstmals 1379 als Kanenghusen. Damals besaß Canhusen sogar eine Burg, die an der Nordwestseite des Ortes lag und dem Häuptling Folkmar Allena gehörte. Die Burg wurde im gleichen Jahr nach der Niederlage in der Schlacht bei Loppersum durch Ocko II tom Brok zerstört. Die heutige Schreibweise ist seit 1719 geläufig.

Genau genommen wohnt Alex de Buur schon lange nicht mehr im Dorfkern, wo er seine Kindheit und Jugend erlebte. 1970 übernahm er ein Grundstück seiner Eltern in der Pappelallee und baute mit seiner Familie dort ein Haus. Aber idyllische Ruhe gehört auch zu der kleinen Siedlung, die 500 Meter weit in der Gemarkung entstanden ist: „Wir verstehen uns hier“, stellt der frühere Fahrzeugentwickler bei VW fest und schließt dabei auch die Neuankömmlinge ein, die seit ein paar Jahren verstärkt die alten Häuser gekauft haben. Sogar Straßenfeste habe man in der Siedlung gefeiert. Für VW hat er drei Jahre in China und eines in Thailand verbracht, aber er ist nach Canhusen zurückgekehrt. Das war zu einer Zeit, als es dem Ort so ging wie vielen: Der Lebensmittelladen machte zu, der Bäckerladen bekam seine Brötchen schon aus Hinte, Bauern gaben ihre Höfe auf, die Schule wurde geschlossen, die Einwohnerzahl sank. Landwirtschaft prägt aber auch heute noch das Bild Canhusens, in dem grüne Grundstücke ums Haus den Kindern noch Platz zum Spielen bieten, und Bäumen Raum zum Wachsen geben.

Um den alten Kern des Warfendorfes zu zeigen, steigt Alex de Buur aufs Fahrrad und führt dann zu einem verrosteten Knopf an einem Haus nahe der Kirche. Unscheinbar in Kniehöhe angebracht, soll er eine der größten Katastrophen in der Geschichte Canhusens bezeugen, erzählt Axel de Buur, der Mitbegründer und bis 2009 lange Vorsitzender des Fremdenverkehrsvereins Hinte gewesen ist. So hoch, wie der Knauf angebracht ist, soll nämlich im Mittelalter eine Sturmflut gestanden haben, womöglich die legendäre Marcellusflut im 14. Jahrhundert, die auch die Leybucht geschaffen hat. Bis über die Warft stand die Flut in Canhusen. Wie viele Menschen dabei zu Tode kamen, weiß er nicht. Aber es müssen auch viele Tiere gewesen sein. Deren Gebeine tauchten Anfang der neunziger Jahre bei Restaurierungsarbeiten in der Kirche unter dem Boden wieder auf. Der Zusammenhang wird jedenfalls vermutet.

Das evangelisch reformierte Gotteshaus hat einen doppelten Friedhof: Der eine Teil gehört der Kirchengemeinde, der andere wurde von der weltlichen Gemeinde angelegt. Auffällig ist das ausladende Gebäude neben der Kirche. Alex de Buur schmunzelt, als er davon erzählt: „Das ist die Pfarrei. Die ist größer als die Kirche selbst, aber da hat nie ein Pastor drin gewohnt.“ Mit dem großen Haus habe man früher wohl versucht, einen Geistlichen anzulocken, aber vergebens. „Nicht mal das hat geholfen.“

So klein Canhusen ist, so groß ist der Zusammenhalt der Gemeinschaft, die sich kennt, spätestens von einer der Veranstaltungen, für die die jüngere Generation verantwortlich zeichnet. Am Oster- oder Maifeuer trifft man sich, beim Glühweinabend oder beim Boßeln, wenn nicht einfach auf der Straße. Fürs Boßeln gibt es auch einen Club. Wer mehr will, muss ins nahe Hinte fahren. Das ist ja nicht weit: In zehn Minuten ist man von Canhusen aus in den Supermarkt gefahren. Das war im Prinzip schon früher so, erzählt Alex de Buur. Als Jugendlicher und junger Mann war er häufiger in Suurhusen, um andere junge Leute zu treffen. Die nahe und gerade gut ausgebaute Kreisstraße bietet flotte Verbindung auch zur B210 – und damit nach Emden oder Aurich. Oder nach Norden. Irgendwie liegt Canhusen eben auch mittendrin.

Axel Pries
Axel Pries Ostfriesland-Redaktion/Leer