Emden -
Frau Leuffert, warum sollten sich Impfwillige mit dem Impfstoff AstraZeneca (AZ) gegen Corona impfen lassen?
Cathrin LeuffertAstraZeneca bietet einen sehr guten Schutz gegen Covid-19. Häufig wird hier die Zahl 70
Cathrin Leuffert wurde 1988 in Emden geboren und wuchs hier auf. Die Mutter zweier Kinder studierte von 2007 bis 2014 in Hamburg Medizin. Danach arbeitete sie als Ärztin in der Neurologie im Emder Klinikum und ist seit 2019 beim Emder Gesundheitsamt beschäftigt..
Prozent in den Raum gestellt, was bezüglich des Schutzes vor einer Infektion auch richtig ist. Zusätzlich muss aber auch gesagt werden, dass jemand, der sich trotz Impfung mit dem Virus infiziert, trotzdem vor einem schweren Verlauf gut geschützt ist. Neuste Studien zeigen, dass sogar schon nach der ersten Dosis AZ die Krankenhausaufenthalte um 95 Prozent sinken. Das sind sehr gute Werte.
Können Sie nachvollziehen, dass es da Skepsis gibt?
Leuffert: Viele Menschen wurden von den Meldungen über Impfreaktionen bei AZ mit grippeartigen Symptomen verunsichert. Diese Impfreaktionen traten bei etwa 15 Prozent der Impfungen auf. Bei Gelbfieberimpfungen sind entsprechenden Reaktionen beispielsweise sogar noch häufiger. Das fällt aber nicht so auf, da wir natürlich keine Gelbfieber-Massenimpfungen mit diesen Impfstoffen vornehmen und dementsprechend auch keine Personalausfälle in Krankenhäusern oder Praxen zu verzeichnen haben.
Warum ist der Ruf des Serums von AstraZeneca in Deutschland so schlecht?
Leuffert: Ich denke, dass die Meldung über etwaige Impfreaktionen bei AZ und die bis gestern gültige Empfehlung, den Impfstoff nur bis zum 65. Lebensjahr zu verimpfen, die Menschen verunsichert hat. Dies überschattet die Tatsache, dass wir hier ein sehr gutes Mittel im Kampf gegen Corona haben. AZ leidet darunter, dass Biontech in der Statistik etwas besser wegkommt.
Wie hoch ist die Wirkungsweise des Impfstoffs?
AstraZeneca ist vom gleichnamigen Unternehmen zusammen mit der Universität Oxford entwickelt worden. Es handelt sich um einen Vektorimpfstoff und benötigt lediglich Kühlschranktemperatur. Er ist damit für Hausärzte praktikabel und schneller produzierbar und wesentlich günstiger als die beiden mRNA-Impfstoffe: Eine Dosis von AstraZeneca kostet rund 2,10 Euro.Der Wirkstoff zeigte in einer Studie eine Wirksamkeit von etwa 70 Prozent. Bei einem bestimmten Impfschema liegt sie bei 90 Prozent. Zudem soll er schwere Covid-19-Verläufe verhindern.Bei dem Impfstoff handelt sich um ein gentechnisch verändertes Erkältungsvirus, das sich im menschlichen Körper nicht vermehren kann. In Muskelzellen werden Eiweißmoleküle gebildet, die SARS-CoV-2 auf seiner Oberfläche hat. Dadurch wird dem Immunsystem eine Infektion vorgespiegelt: Es wird mit der Visitenkarte des Coronavirus bekannt gemacht und kann schon mal die Produktion von Antikörpern und T-Zellen ankurbeln – um auf den Ernstfall vorbereitet zu sein.
Leuffert: Nach zwei Impfdosen beträgt der Schutz vor einer Infektion 70 Prozent. Der weiterführende Schutz, der Infizierte sehr gut vor einem schweren Krankheitsverlauf oder Tod schützt, wird leider medial kaum erwähnt.
Bei Biontech oder Moderna ist er viel höher. Warum wird nicht generell damit geimpft?
Leuffert: Wir stecken mitten in einer tödlichen Pandemie, die Ressource Impfstoff ist leider nicht grenzenlos verfügbar. Wir haben derzeit drei sehr gute Impfstoffe, die in Deutschland zugelassen sind. Das ist etwas, womit noch niemand vor einem Jahr gerechnet hat. Dass wir einen Impfstoff mit 70-prozentigem Schutz haben, ist gut. Dass wir zwei weitere haben, die sogar noch besser sind, ist das Tüpfelchen auf dem I. Auf AZ zu verzichten, wäre angesichts des Infektionsgeschehens absolut fahrlässig. Viele Impfstoffe, wie zum Beispiel die Keuchhustenimpfung, haben einen Schutz von 70 Prozent. Wenn man einen Großteil der Bevölkerung damit impft, kann man trotz der vermeintlich geringen Schutzwirkung eine sehr gute Herdenimmunität erzeugen.
Es gibt wiederum Stimmen, die halten die neuen mRNA-Impfstoffe für gefährlich. Wie beurteilen Sie das und welche Erfahrungen haben Sie bisher gemacht?
Leuffert: Viele Menschen hatten anfangs Angst, dass ein mRNA-Impfstoff die Gene des Menschen beeinflussen könnte. Diese Bedenken sind jedoch schnell verflogen. Es gab einige Berichte über allergische Reaktionen nach Impfungen, die wir Gott sei Dank während der Impfrunden nur insgesamt drei Mal gesehen haben. Davon war nur eine Reaktion als schwer zu bezeichnen.
AstraZeneca soll mehr Nebenwirkungen erzeugen als Biontech. Einige Emder Klinikbeschäftigte haben das leidvoll erfahren. Wäre das nicht ein Hinweis darauf, den Impfstoff besser nicht zu verwenden?
Biontech und Moderna setzen auf den relativ neuen Ansatz, mit Erbsubstanz (mRNA) zu impfen. Biontech hat etwas geringere Mengen von mRNA im Impfstoff und ist damit günstiger (rund 12 Euro). Dafür ist der Moderna-Impfstoff (rund 15 Euro) einfacher in der Handhabung: Er muss nicht verdünnt werden und ist bei minus 20 Grad in normalen Kühl-Gefrierkombination stabil, während der Biontech-Impfstoff bei Temperaturen kälter als minus 70 Grad in Spezialbehältern gekühlt werden muss. Der mRNA-Impfstoff bietet laut Studie einen 90-prozentigen Schutz vor einer Ansteckung mit SARS-CoV-2. Moderna setzt die Wirksamkeit bei 94,5 Prozent an.Bei dem Impfstoff handelt es sich um ein neues Konzept. Statt ein geschwächtes Virus oder einzelne Teile eines Virus zur Impfung zu verwenden, besteht der Impfstoff aus einer genetischen Information in Form der Boten-RNA oder mRNA. Auf den RNA-Molekülen befinden sich Baupläne für Proteine, die der Körper des Geimpften selber herstellen soll.
Leuffert: Nein. Es ist eine ganz normale Reaktion des Körpers auf eine Impfung und zeigt, dass das Immunsystem arbeitet. Wenn Impfreaktionen zur Abschaffung von Impfstoffen führen, könnten wir viele Impfstoffe gar nicht mehr verwenden. Bei Kindern ist es zum Beispiel auch ganz normal, dass sie nach den Mumps-Masern-Röteln-Impfungen einige Tage Fieber oder erhöhte Temperatur entwickeln, wie viele Eltern sicher aus eigener Erfahrung wissen. Trotzdem würde niemand versuchen, diese Impfung deswegen zu stoppen. Auch bei Biontech gab es durchaus einige Impfreaktionen. Ob jemand eher auf Biontech oder AZ reagiert, weiß man im Vorfeld nicht.
Es wird geraten, dass Impflinge vor und nach der Impfung mit AZ eine Paracetamol-Tablette einnehmen sollen. Hilft das?
Leuffert: Paracetamol wirkt auf die Symptome, wie zum Beispiel Fieber, Muskel- und Gliederschmerzen und Kopfschmerzen. Man kann sie also genauso gut aufgrund einer Impfreaktion einnehmen, wie man es sonst vielleicht auch bei einem grippalen Infekt tun würde.
Wenn Sie es sich aussuchen dürften, welchen Impfstoff würden Sie für sich bevorzugen?
Leuffert: Sich einen Impfstoff aussuchen zu können, wäre ein absolutes Luxusproblem, dass sich in nächster Zeit niemandem stellen wird. Da sich der tatsächliche Schutz vor einer schweren Coronaerkrankung und die Nebenwirkungen nur sehr wenig unterscheidet, würde ich das nehmen, was lieferbar ist.
Würden Sie auch AZ nehmen?
Leuffert: Absolut. Auch viele ärztliche Kollegen haben sich ohne zu Zögern hierfür entschieden. Eventuell ein oder zwei Tage Schüttelfrost und Fieber zu haben, ist zwar nicht schön, aber immer noch sehr viel besser, als an Corona zu erkranken.
