Emden - Auch das Corona-Jahr 2021 ist kein gutes Jahr für internationale Jugendaustausch-Projekte gewesen. Direkte Begegnungen waren kaum möglich. Trotzdem hat die Emderin Inka Petersen (56), Bootsbauerin und Handwerks-Lehrkraft beim Arbeitskreis für historischen Schiffbau auf der Teufelsinsel, ihr lang geplantes Sommerprojekt „Boats Building Bridges“ (Boote Bauen Brücken) mit 80 Jugendlichen aus Emden, Kroatien und Bosnien-Herzegowina durchgezogen. Nur eben wegen der vielen Hindernisse ganz anders als geplant.
Die Entstehung
Dabei hatte sich anfangs alles so gut entwickelt. Als Petersen nach 25 Jahren USA in ihre Heimatstadt zurückkehrte, hatte sie bereits die Zusage der Berliner Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft für die Aufnahme in das Förderprogramm „Europeans for Peace“ in der Tasche. Ausgetüftelt hatte Petersen das Projekt mit einem Freund, Jim Bender. Dieser engagiert sich mit seinem Adriatic Maritime Institute in Kroatien seit Jahren dafür, Heimkinder aus Ländern des zerfallenen Jugoslawiens über Bootsbau und Teamwork zusammenzubringen und so die Grenzen unterschiedlicher Herkunft und Religionen (katholisch, serbisch-orthodox, muslimisch) zu überwinden.
Das war geplant
Das sollte nun um Aktivitäten mit Emder Jugendlichen aus der Wohngruppe und ambulanten Betreuung von Outlaw erweitert werden. Die Emder sollten 2020 zum Bootebauen nach Kroatien fahren, die Osteuropäer 2021 zum Segeln nach Emden kommen. „Ziel war, Vielfalt positiv zu erfahren“, sagt Petersen. Die Erfahrungen an den örtlichen Grenzflüssen Una (Kroatien/Bosnien-Herzegowina) und Ems (Deutschland/Niederlande) sollten dabei als Anknüpfungspunkt dienen, um auch über den Zweiten Weltkrieg, den Jugoslawien-Krieg, Flucht, Zwangsumsiedlung und Auswirkungen auf die nachfolgenden Generationen zu sprechen.
Das fand statt
Dann machte Corona die 2020-Planung zunichte. Für 2021 wurde mehrfach umdisponiert. „Anfang Mai mussten wir dann aber einsehen, dass Reisen nicht geht“, erzählt Petersen. „Die Hälfte der Erwachsenen war nicht geimpft, die Kinder gar nicht, aus dem Nicht-EU-Land Bosnien war keine Einreise nach Kroatien erlaubt, das dann auch wieder Hotspot war.“ Die Drähte zwischen den Organisatoren glühten, per Telefon, Zoom-Videokonferenz und WhatsApp. „Genau das war dann die Lösung“, sagt Petersen. Alle Gruppen machten für drei Monate vor Ort ein eigenes Projekt und zoomten oder whatsappten darüber.
Die Kinder und Jugendlichen aus den Gruppen der Emder Jugendhilfe-Einrichtung Outlaw gingen unter anderem auf Kanu-Tour rund um die Stadt. Nicht alle durften ungepixelt gezeigt werden.
Boats Building Bridges
Dann eben digital: Obwohl die Pandemie eine echte Begegnung der Jugendlichen aus Emden mit ihren Altersgenossen aus Kroatien und Bosnien-Herzegowina verhinderte, ist Bootbauerin Inka Petersen mit ihrem Projekt zufrieden. Ein Film über die einzelnen Aktivitäten vor Ort soll in Kürze auf YouTube zu sehen sein.
Gaby Wolf
Austausch per Zoom: In den drei Partnerländern gab es individuelle Exkursionen. Hinterher tauschten sich alle per Videokonferenz und WhatsApp aus.
Boats Building Bridges
Die kroatischen Jugendlichen restaurierten am Fluss Kupa zwei Boote und gingen danach auf Rudertour.
Boats Building Bridges
Teilnehmer aus dem serbischen Teil Bosnien-Herzegowinas: Sie erkundeten, wie man das ortstypische Dayak (eine Mischung aus Stehpaddelbrett und Venedig-Gondel) baut und steuert.
Boats Building Bridges
Die Teilnehmer im muslimischen Teil von Bosnien-Herzegowina gingen zum Wildwasser-Rafting. Die älteren Jugendlichen nahmen auch an einem Guide-Training teil.
Boats Building BridgesBoats Building Bridges (Boote Bauen Brücken) ist ein Projekt des Adriatic Maritime Institutes (Kroatien) und des Arbeitskreises für historischen Schiffbau in Ostfriesland (Emden).
Ziel war, Jugendlichen aus Kinderheimen und Jugendwohngruppen über Aktivitäten rund um das Thema Boote ein Erlebnis von Gemeinsamkeit unabhängig von Nationalitäten, Ethnien und Religion zu verschaffen und dabei auch etwas über die Vergangenheit ihrer Länder zu lernen.
Die 80 Teilnehmer kamen aus dem SOS-Kinderdorf Lekenik (Kroatien), Kinderheimen in Sisak und Kaštel Lukšić (Kroatien), in Banja Luka und Bihać (Bosnien und Herzegowina) sowie von der Outlaw Kinder- und Jugendhilfe Emden.
Gefördert wurde das Projekt durch Programm „Europeans for Peace“ der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft (Berlin).
Die kroatischen Jugendlichen restaurierten zwei Ruderboote. Die Kinder aus dem serbischen Teil Bosnien-Herzegowinas lernten, wie man das ortstypische Dayak (Mischung aus Stehpaddelbrett und Venedig-Gondel) baut und steuert. Die muslimischen Bosnier erprobten in ihrer gebirgigen Heimat Teamwork per Wildwasser-Rafting. Und in Emden waren Kanu-Ausfahrten, Holzarbeiten auf der Teufelsinsel und eine Exkursion zur KZ-Gedenkstätte Esterwegen angesagt.
Auch bei diesen Projekten kam manche Hürde hinzu. Trotzdem ist Petersen froh über das Ergebnis: „Auch Jugendliche, die erst kaum Interesse hatten, fanden es am Ende schade, dass kein echtes Treffen möglich war.“ Eine Neuauflage hängt aber davon ab, ob sich neue Fördertöpfe finden. Zunächst soll dieses Projekt zum Abschluss kommen. Das geschieht mit einer Film-Collage, die in Kürze veröffentlicht wird – auf YouTube, den Internetseiten der Partner und www.europeans-for-peace.org.
