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Ausbildung im Handwerk Durch Norwegen-Praktikum noch mehr Lust aufs Tischlern

Stephanie Schuurman
Auch so kann Ausbildung aussehen: Lisa Bruckmann bei einer Wanderung in den Bergen von Norwegen.

Auch so kann Ausbildung aussehen: Lisa Bruckmann bei einer Wanderung in den Bergen von Norwegen.

Emden - Es lohnt sich so sehr, sich in unbekannte Gewässer zu begeben. Lisa Bruckmann schwärmt in den höchsten Tönen über die vergangenen drei Monate, in denen sie fernab ihres Heimatbetriebs in ihrem Handwerk Erfahrungen sammeln durfte. Drei Monate mit fremder Kultur, faszinierender Natur und spektakulären Nordlichtern. Aber auch mit teils ganz neuen Arbeitsweisen, als sie es in ihrem Tischlerei-Betrieb, der Emder Tischlerei und Küchenwerkstatt Marten, gewohnt ist.

Erasmus Plus

Die Handwerkskammer

Ostfriesland hat keine eigene Mobilitätsberatung

- so nennt man die Vermittlung von Auslands-Praktika oder Programme wie Erasmus Plus. Die nächsten Ansprechpartner gibt es bei der Kammer in Oldenburg.Erasmus-

Förderung können alle Auszubildenden des Handwerks

und Gesellen bis ein Jahr nach ihrer Ausbildung bekommen. Für Norwegen hat Lisa Bruckmann den Höchstsatz von

1050 Euro

bekommen, weil die Lebenshaltungskosten dort so hoch sind, zudem eine

Reispauschale

. Für die Praktikumsdauer

zahlt der Arbeitgeber das Gehalt weiter

. Für die Tischlerei Marten „eine Selbstverständlichkeit“. „Man kann dabei nur gewinnen“, sagt Martin Dirks.

In ihrem Ausbildungsbetrieb auf Zeit wird nämlich weniger individuell als bei Marten gearbeitet. Die Norweger Minde snekken AG lebt mehr von öffentlichen Auftraggebern wie Krankenhäuser, die gleich dutzendweise Schrankanlagen ordern, sodass dort die CNC-Technik längst Einzug gehalten hat. Damit werden beispielsweise Bänder nicht mehr per Hand ins Holz gestemmt oder geschnitten, das übernimmt die Fräse computergesteuert. Und das war noch Neuland für die Auszubildende aus Ostfriesland.

„Grotesk eigentlich, dass man dafür jemanden bis nach Norwegen schicken muss“, sagte ihr Lehrherr Martin Dirks. Er bemängelt, dass seine Auszubildenden weder in der Berufsschule in Emden noch bei der Handwerkskammer in Aurich mit dieser speziellen Technik in Berührung kommen, obwohl diese längst Stand der Technik sei. „Das ist sehr ärgerlich“, sagt Dirks. Vergleichbar sei das mit einem Kfz-Betrieb, in dem man den Computer auch nicht mehr wegdenken könne. „Die moderne Tischlerei hat auch nichts mehr mit Meister Eder und seinem Pumuckl zu tun.“

Und auch wenn die Emder Tischlerei aufgrund der individuellen Aufträge aktuell noch auf CNC-Technik verzichten kann, ist Dirks froh, dass er seinen Azubis über das Auslands-Praktikum die volle Bandbreite der Ausbildung ermöglichen kann.

Damit ist das Ziel des Erasmus-Programms erreicht, das genau solchen Erfahrungsaustausch für Auszubildende des Handwerks eröffnet. Ein Programm im Übrigen, das bisher in Ostfriesland noch wenig nachgefragt ist. Möglicherweise auch, weil es wenig bekannt ist. Sicher auch, weil nicht jeder Azubi so aufgeschlossen und reisemutig wie Lisa Bruckmann ist. Sie absolvierte schon in ihrer Schulzeit ein Semester in den USA, reiste nach dem Abitur alleine durch Südostasien. Und dann ist da auch noch ein gewisses Restrisiko, dass der Lehrherr seine raren Azubis nie mehr wiedersieht. „Die Gefahr bestand tatsächlich“, sagt Lisa - aber eher, weil sie sich in Norwegen „super wohlgefühlt“ habe. „Arbeitsmäßig habe ich mich schon gefreut, wieder nach Hause zu kommen.“

Generell empfiehlt sie allen Azubis, einmal in einen anderen Betrieb zu gehen. Dort lerne man andere Dynamiken kennen. „Ganz viele Sachen laufen anders und es ist interessant, was wir hier doch effizienter machen“, sagt Lisa Bruckmann. Und wenn man merke, man kommt in einem anderem Betrieb in einer anderen Kultur klar, stärke das „total“.

Norwegen sei in jedem Fall die richtige Wahl gewesen. Die Menschen seien ähnlich verschlossen wie die Ostfriesen. Mit etwas Alkohol aber „sehr sehr offen“, wie Lisa sagt. Sie hatte Glück, dass ihr Mitbewohner sie gleich in seinen norwegischen Freundeskreis einbezog. Und an einem langen Wochenende reisten sie auch noch gemeinsam nach Nordnorwegen, wo sie bei einer Nacht-Wanderung die sagenhaften Nordlichter zu sehen bekamen.

Die einzige Kritik, die Lisa Bruckmann äußert, betrifft die Organisation. Nur der Antrag für die Erasmus-Förderung wurde für sie durch eine Agentur erledigt, alles andere wie die Auswahl des Praktikumsbetriebs und Unterkunftssuche musste sie selbst erledigen. „Es wäre einfacher, wenn dafür schon Strukturen vorhanden wären“, sagt sie.

Im Sommer nächsten Jahres ist Lisa Bruckmann mit ihrer Ausbildung fertig. Rasend schnell sei die Zeit vergangen. Dass sie auch danach noch eine Weile dabeibleiben will, steht für sie fest. „Durch Norwegen habe ich noch mehr Lust aufs Tischlern bekommen. Und zwei bis drei Jahre nach der Ausbildung soll die Lernkurve ja am steilsten sein.“

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