Emden - Die politischen Ränder geschwächt, die Mitte gestärkt - so lässt sich nicht nur das Wahlergebnis im Bund interpretieren, sondern auch das in Emden. Überhaupt folgen die Trends bei den Zweitstimmen in der Seehafenstadt denen der Restrepublik: Die SPD (plus fünf Prozent) und die Grünen (sogar plus 7 Prozent/fast 1600 Stimmen mehr) sind die großen Gewinner, auch die FDP (plus 1,65) legt zu. Die CDU dagegen verliert kräftig (minus 7,88 Prozent/mehr als 2400 Stimmen weniger).
Am rechten politischen Rand büßt die AfD knapp zwei Prozent ein. Auf der anderen Seite bricht die Linke förmlich ein, verliert mehr als die Hälfte der Wählerstimmen, die sie noch 2017 bekommen hat (minus 5,2).
Während die SPD vor vier Jahren nur in Larrelt (50,6) über die Marke von 50 Prozent kam, ist das diesmal in einer ganzen Reihe von Wahlbezirken der Fall: Der Scholz-Zug, also der grandiose Endspurt von SPD-Kanzlerkandidat Olaf Scholz im Wahlkampf, machte offenbar in Conrebbersweg I, Transvaal II, Borssum I bis III, Wybelsum und erneut Larrelt halt. Die Sozialdemokraten legen im Vergleich zu 2017 in allen (!) Bezirken zu. Zusammen mit dem Top-Ergebnis für Johann Saathoff dürften sich die Genossinnen und Genossen schon fast an alte Zeiten erinnert fühlen - fast jedenfalls.
Dass die Sozialdemokraten in ihrer wieder erstarkten Hochburg dennoch nicht mehr den sprichwörtlichen rot angestrichenen Besen aufstellen und trotzdem absolute Mehrheiten einfahren können, liegt wohl auch an den Grünen. Die sind in Emden unter Spitzenkandidatin Annalena Baerbock endgültig salonfähig geworden und werden offenbar längst nicht mehr nur als sonderliche Öko-Partei wahrgenommen. Keine andere Partei legte bei den Bundestagswahlen in Emden so stark zu, das dürfte auch die SPD Zweitstimmen gekostet haben. Die Grünen sind in den allermeisten Wahlbezirken zweistellig, haben, wie die SPD, in allen Wahlbezirken neue Wähler dazugewonnen. Grüne Hochburgen sind - wie schon im letzten Jahr - Bentinkshof (24 Prozent) und Wolthusen (mehr als 20 Prozent in allen drei Abschnitten). Das schlechteste Ergebnis verzeichnete die Partei in Transvaal II (7,32 Prozent). Andererseits: 2017 war Transvaal II ebenfalls das schlechteste aller Wahlbezirk-Pflaster für die Grünen. Damals gab es hier nur 4,2 Prozent. Diesmal ist es viel mehr. Selbst an dem magersten Ergebnis der Grünen lässt sich also diesmal ein klarer Aufschwung ablesen.
Ganz anders die Lage bei der CDU. Die Christdemokraten geben in allen Wahlbezirken nach. Im Bereich Förderschule, Stadtmitte, Port Arthur, Transvaal II und Friesland rutschen sie in den einstelligen Bereich. Zum Vergleich: Vor vier Jahren waren sie noch in allen Wahlbezirken zweistellig. Das Top-Ergebnis damals lag bei knapp 33 Prozent in Marienwehr/Uphusen. Dort verliert die CDU mehr als zehn Prozentpunkte (21,8). In Friesland dümpeln die Christdemokraten auf dem Niveau einer Randpartei bei nur 6,9 Prozent herum.
Als Verlierer müssen sich auch die AfD und die Linken fühlen. Die AfD verliert in 24 Wahlbezirken Stimmen. Auffällig: Das reicht noch immer für zwölf Wahlbezirke, in denen das Stimmergebnis zweistellig ist. Das spricht für ein hohes Potenzial an Stammwählern dort. Besonders stark ist die AfD - wie schon beim letzten Mal - in Friesland (19,7) und im Bereich Grüner Weg. Die Linke dagegen kann - bis auf einen Wahlbezirk (Bentinkshof/11,7) - von zweistelligen Ergebnissen nur träumen. Auch sie lässt in sämtlichen Abschnitten Federn. In Widdelswehr ist sie besonders unbeliebt (1,9).
Dagegen stehen die Zeichen bei der FDP größtenteils auf grün. Sie legt in den allermeisten Wahlbezirken zu. Traditionell stark sind die Liberalen in Petkum, dem Heimatort des altgedienten Emder FDP-Hansdampf Erich Bolinius. Mit 12,5 Prozent markiert das Dorf am Stadtrand auch diesmal das beste Liberalen-Ergebnis.
