Emden - Alles kein Hexenwerk, wie es scheint - und doch einzigartig im Land: Die Stadt Emden will künftig Angehörige vermisster Menschen beraten und unterstützen. Dazu sollen Strukturen innerhalb der Sozialverwaltung entsprechend aufgebaut, vorhandene Angebote passend kanalisiert werden. „Die Struktur werden wir relativ schnell herstellen“, kündigte Fachbereichsleiter Volker Grendel in einem Pressegespräch an. „Es ist ja auch in unserem Interesse, dass frühzeitig Hilfe einsetzt. Diese Menschen tauchen sonst irgendwann sowieso in unserem System auf.“
Für Peter Jamin, Experte in Vermissten-Fragen, ist die Entscheidung der Stadt, eine Vermissten-Beratung einzurichten, etwas ganz besonderes. Seit 30 Jahren befasst sich der Journalist mit der Thematik, hat inzwischen vier Ratgeber-Bücher geschrieben und nach eigenen Angaben 2000 Angehörige beraten. Bei zahlreichen Lesungen im Land hat er auch gegenüber Politikern kommunale Beratungsstellen immer wieder eingefordert - bislang erfolglos.
Ein Pilot-Projekt
Erst bei seiner Lesung auf Einladung des Emder Vereins „VerNie - Vermisst in Niedersachsen“ im November 2019 fiel seine Forderung bei Oberbürgermeister Tim Kruithoff (parteilos) auf fruchtbarem Boden. „Das ist eine einmalige Geschichte in Emden, ein absolutes Pilot-Projekt“, sagte Jamin.
Hintergrund ist, dass Angehörige Vermisster nach der Anzeige bei der Polizei ziemlich im Regen stehen. In den meisten Fällen unternehme die Polizei gar nichts, so Jamin, es sei denn, es liegt der Verdacht auf eine Gewalttat vor, es geht um eine hilflose Person oder ein verschwundenes Kleinkind. „Grundsätzlich bin ich auch der Meinung, dass die Polizei andere Aufgaben hat“, sagte Jamin. „Die Beratung der Angehörigen erfordert große soziale Hilfsbereitschaft, diese Aufgabe ist bei den Städten besser aufgehoben.“
Jamin wünscht sich eine „Beratung zur Selbsthilfe“. So verfährt er in seinen Telefonberatungen gegenüber Angehörigen Vermisster. Zunächst gelte es, die Menschen zu beruhigen.
Praktische Tipps nötig
Dann seien aber ganz praktische Tipps nötig, damit die Angehörigen nicht in wirtschaftliche Schieflagen geraten. So muss beispielsweise eine Regelung mit dem Arbeitgeber getroffen werden, damit der Vermisste, der in 97 Prozent aller Fälle nach wenigen Monaten wieder auftaucht, nicht seinen Job verliert. Die Mutter eines verschwundenen Sohnes kann eine Abwesenheitspflegschaft beim Amtsgericht beantragen, damit die Miete für die Wohnung des Vermissten weiter bezahlt oder die Möbel eingelagert werden. Es gehe um ganz reale wirtschaftliche Probleme, die zu den ohnehin psychischen dazu kommen, erklärte Jamin. „Tipps zu geben, ist dann die Aufgabe der Beratung, nicht der Polizei.“ „Es geht auch darum, dass die Menschen eine erste Anlaufstelle haben“, sagte Petra Lieutenant, zweite Vorsitzende von VerNie.
Die städtische Beratung soll in Anlehnung an die Erfahrungen Jamins und dem Verein VerNie zunächst im Fachdienst Gemeinwesen angesiedelt werden. Jamin hat in dieser Woche mehrere Mitarbeiter der Verwaltung hierzu geschult. Die Stadt will bei der Beratung den Fokus auf die Angehörigen legen, weniger auf den Vermissten, unterstrich Grendel.
