Emden - Angeregt durch den Bericht von Annelore Rust, die im letzten Jahr in dieser Serie über ihre Kindheit an der Nesserlander Schleuse berichtet hat und die wie ich dort aufgewachsen ist, lebten meine eigenen Erinnerungen wieder auf. Mit der Mutter von Annelore Rust, Frau Probsthain, kam ich des Öfteren zusammen. Sie führte eine Bäckerei auf „Kinkers Warf“, dem Hügel hinter dem „Ems“-Hotel. Mein Vater, Gerhard Groothuis, arbeitete als Schleusenwärter an der Nesserlander Schleuse. Er war in die Fußstapfen seines Vaters, Hermann Groothuis, getreten, der auch Schleusenwärter war.

Die Nesserlander Schleuse war 1888 für den Schiffsverkehr eröffnet worden. Herr Boomgarden und Herr Sonntag waren Schleusenmeister. Es arbeiteten immer drei Männer in einer Schicht. Zusammen mit meinem Vater gingen Herr Eeten und Herr de Vries in eine Schicht.

Als ich ein Baby war, zogen meine Eltern mit uns vier Geschwistern von Widdelswehr in die Dienstwohnung an der Nesserlander Schleuse. Wir waren drei Schwestern und ein Bruder, von denen nur noch ich am Leben bin. Ich bin das älteste Kind unserer Eltern, Gerhard und Klasine Groothuis. Damals besuchte ich die Emsschule und fuhr jeden Morgen mit der Straßenbahn in die Emder Innenstadt.

Weil ich die Älteste war, sagte mein Vater, ich müsse für die Familie sorgen, falls ihm etwas zustoßen sollte. Tatsächlich kam er auf dem Rückmarsch von Russland während des Zweiten Weltkriegs ums Leben. Es war gegen Kriegsende, als er in einem Krankenhaus südlich von Danzig starb. Die Stadt liegt heute im polnischen Staatsgebiet und heißt Tuchola. Er hatte eine lebensbedrohliche Krankheit nicht überlebt. In Tuchola ist unser Vater auch beerdigt.

Wir waren völlig geschockt, als wir in Emden einen an meine Mutter gerichteten Brief bekamen, in dem sinngemäß stand: „Liebe Frau Groothuis, Wir bitten Sie, die Nachlasssachen Ihres verstorbenen Mannes abzuholen…“ Es war eine schwere Zeit für uns, aber wir haben alles innerhalb der Familie in Harmonie und Frieden geregelt.

Unser Vater war sehr beliebt und hat auch in der Familie für Halt gesorgt. Wir sollten füreinander und für andere da sein im Leben. Diese Einstellung hat er an uns weitergegeben und mit dieser gewohnten Stabilität haben wir die Zukunft gemeistert, mit großem Kummer auch ohne unseren Papa.

Wir mussten aus der Dienstwohnung des Wasser- und Schifffahrtsamtes ausziehen und wohnten vorübergehend in einer Baracke. Kanadier, die bei Kriegsende nach Emden vorgedrungen waren, zogen in die Dienstwohnung ein. Wir durften aber bald wieder in die Dienstwohnung zurück.

Insgesamt haben wir etwa 30 Jahre an der Nesserlander Schleuse gewohnt. Das Leben war dort abwechslungsreich und spannend. Oft kamen Schiffe vorbei, meistens auch Heringslogger, die auf der Rückfahrt von den Fanggebieten waren. Wir sind dann auf den Deich unmittelbar vor unserer Wohnung gerannt und die Fischer gaben uns Heringe direkt vom Schiff in die Hand. Das sind meine Erinnerungen an diese Zeit.

Talea Eilers, geborene Groothuis, wurde 1932 in Widdelswehr geboren. Sie arbeitete im Emder Betten- und Wäschehaus Barghoorn, zuletzt für 25 Jahre. Heute wohnt sie in Hinte.

Wir fragen wieder: Wer erinnert sich an Begebenheiten von früher? Melden Sie sich bei uns. Unsere Mitarbeiterin Iris Hellmich, die diese Serie betreut, ist unter t 04921/8900401 oder per Email (emdererzaehlen@emderzeitung.de) zu erreichen.