Emden - Die Binnenschiffer vergangener Jahrhunderte brauchten Ballast. Oder: Der Schlamm vom Ausbaggern des Treckfahrtstiefs begrub alles unter sich. Nur zwei der Vermutungen darüber, weshalb vom älteren der beiden Jüdischen Friedhöfe in Emden außer eines Gedenksteines nichts mehr zu sehen ist. Bewiesen ist weder die eine noch die andere Theorie – und auch keine der weiteren Mutmaßungen, die seit Jahrhunderten in Umlauf sind, wie Archäologe Dr. Jan F. Kegler von der Ostfriesischen Landschaft klarstellt: „Es gibt zu diesem jüdischen Friedhof, einem der ältesten in Niedersachsen, viele Histörchen. Aber nichts davon ist belegbar.“ Nicht einmal die ursprüngliche Größe der im 16. Jahrhundert entstandenen Begräbnisstätte ist bekannt. Das könnte sich allerdings bald ändern: Damit bei der Sanierung der Straße Treckfahrtsweg nicht Gräber berührt werden, die sich möglicherweise noch im Bereich des vielbefahrenen Verkehrsweges befinden, wird das Gelände bald zum ersten Mal mit modernster Technik von Archäologen untersucht.
Die Arbeiten sollen nicht in erster Linie den Wissensdurst der Wissenschaftler stillen: Die Ostfriesische Landschaft und der stadteigene Bau- und Entsorgungsbetrieb Emden (BEE) – Auftraggeber der Straßensanierung – wollen vor allem verhindern, dass es bei den Arbeiten zu einer Störung der Totenruhe kommt. Für diese gibt es nach den Gesetzen des Judentums keine Frist, Gräber müssen deshalb für immer unberührt bleiben.
„Die Aufträge sind gerade vergeben worden. Wenn wir Glück haben, kann in der 40. Kalenderwoche angefangen werden“, so Archäologe Dr. Kegler. Die Untersuchungen werden zerstörungsfrei durchgeführt – bildgebende Methoden wie Geomagnetik, Bodenwiderstandsmessung und Bodenradar machen das möglich. Das Bodenradar ermöglicht auch Aufnahmen vom Boden unterhalb der Straße. Die beiden anderen Methoden funktionieren nur auf unbebauter Fläche.
„Für den Laien sieht es ein bisschen aus wie die Marsoberfläche“, beschreibt Kegler das, was bei diesen Messungen an Bildmaterial entsteht. Den Fachleuten wird beim Betrachten aber schnell klar, was im Boden ruht – so wären beispielsweise Grabsteine gut zu erkennen und zu lokalisieren.
Die Wahrung der Totenruhe steht im Vordergrund. Der Archäologe: „Im Rahmen der Sanierung wird in den Boden eingegriffen. Es soll sich später niemand vorwerfen lassen müssen, dabei jüdische Gräber berührt zu haben.“ Dass Gräber für die Ewigkeit sind, sei eine der fundamentalen Regeln des Judentums, so Kegler. Diesen Grundsatz achte man selbstverständlich.
Beim Bau der Straße im Jahr 1938 hat man sich darum nicht geschert, vermutet der Archäologe: „Wir können nicht ausschließen, dass man in der Nazizeit Material vom Friedhof für den Straßenbau verwendet hat.“ Deshalb wird das Aufnehmen des alten Straßenunterbaus im Verlauf der Sanierung vom Archäologischen Dienst der Landschaft begleitet werden. Zu den möglichen Funden zählen sogenannte Spolien – das sind Teile alter Gebäude oder, beispielsweise, Grabsteine, die für neue Bauten als Material verwendet wurden. Aber auch andere Gegenstände aus dem Bereich des Friedhofes und sogar Gebeine können zutage gefördert werden.
