Emden - Wie groß ist der jüdische Friedhof am Emder Treckfahrtsweg wirklich? Diese Frage muss wegen der geplanten Erneuerung der Straße schnell beantwortet werden. Am Dienstag suchten deshalb Mitarbeiter einer Fachfirma aus Berlin vor Ort mit Georadar- und Geomagnetik-Geräten nach Spuren von Begräbnisstätten. Weil im Judentum der Grundsatz der Unverletzlichkeit von Gräbern gilt, kommen Grabungen nicht in Frage. Verlässliche Ergebnisse werden erst nach der Auswertung der Daten vorliegen.

Den Anfang machte gestern das Bodenradar. Das Gerät ähnelt auf den ersten Blick einem Rasenmäher. Ein GPS-Ortungssystem ermittelt und registriert ständig die aktuelle Position des Radars. Das Prinzip: Die vom Gerät gesendeten elektromagnetischen Wellen werden von Gegenständen im Boden schneller reflektiert als von der Erde, die sie umgibt. Die Reflexionen werden vom Bodenradar empfangen. Erstes sichtbares Ergebnis sind kleinformatige Darstellungen auf dem Monitor des fahrbaren Radargerätes. Der Laie sieht dort nichts als Wellenlinien, dem Fachmann geben schon diese Bilder Aufschlüsse. Am Ende des Verfahrens stehen errechnete dreidimensionale Darstellungen, die gerade auch steinerne Objekte – wie Grabplatten – gut erkennen lassen. Und das in einer Tiefe von bis zu zwei Metern.

Untersucht wurden auf diese Weise ein Teil des Treckfahrtsweges und der größere der beiden Parkplätze vor dem Friedhof Tholenswehr, außerdem die grasbewachsene Fläche zwischen der Hecke am Straßenrand und dem Treckfahrtstief. In diesem Bereich kam außerdem ein geomagnetisches Verfahren zum Einsatz, das besonders genaue Informationen über Gegenstände im Boden liefert.

Ob die Ergebnisse der Untersuchungen Einfluss auf die geplanten Baumaßnahmen haben werden, entscheidet nicht die Ostfriesische Landschaft. Dr. Jan F. Kegler: „Wir sind eine beratende Behörde.“ Vorgaben kann der Stadt Emden dagegen das Landesamt für Denkmalpflege machen, dem Kegler berichten wird. Auch das niedersächsische Innenministerium und das Kultusministerium haben sich in der Sache zu Wort gemeldet. Dort teilt man offenbar die Einschätzung des Archäologen: „In einer Zeit, in der es ein Wiederaufblühen des Antisemitismus gibt, muss man an einem Ort wie diesem hochsensibel sein.“

Weil das so ist, werden die Wissenschaftler demnächst auch die Straßenbauarbeiten begleiten. Kegler: „Im Zusammenhang mit dem Bau des Friedhofes Tholenswehr wurde die Straße um 1938 begradigt. Gut möglich, dass damals Grabreste in die Straßenschüttung eingebracht worden sind.“

Bevor sich die drei Mitarbeiter des Berliner Unternehmens Eastern Atlas die Pflaster- und Rasenflächen vornahmen, hatte die Stadtverwaltung den Bereich abgesperrt. So konnte Ronald Freibothe, Diplom-Ingenieur für angewandte Geophysik, das Bodenradar weitgehend ungestört über die Fläche bewegen. Grabungstechniker Niklas Royar steckte mit langen roten Schnüren die Bahnen für das Gerät ab – dadurch wurde eine lückenlose Untersuchung des gesamten Areals sichergestellt. Für eine erste Interpretation der gewonnen bildlichen Darstellungen war am Dienstag Jessica Meyer zuständig, die Archäologin im Atlas-Team.

Alf Hitschke
Alf Hitschke Emder Zeitung