Emden - Man kann es nicht anders sagen: Was da am Sonntagabend bei der Verleihung der Emder Filmfest-Preise 2021 abging, hat das Prädikat „denkwürdig“ verdient. Dabei hätte aus der Gala angesichts der ganz und gar nicht idealen Festival-Bedingungen (Corona, Verschiebung, Sanierung Neues Theater, personelle Differenzen) diesmal eine ziemlich schmale und stimmungsarme Nummer werden können.
Stattdessen geriet die Gala – obwohl straffer und komprimierter aufgezogen – zu einem locker-flockigen und doch emotional tieftönenden Höhepunkt des Festivals mit Witz, guter Musik (von Oliver Jüchems), überwältigten Gewinnern (allen voran: der gerade noch pünktlich eingeflogene Bernhard-Wicki-Preisträger Eirik Svensson aus Norwegen) und eindringlichen Gesellschafts-Appellen. Und das auch noch in einer so coolen Kulisse, wie man es der altehrwürdigen Johannes a Lasco Bibliothek trotz aller kulturellen Vorbildung nie zugetraut hätte. Stylisch illuminiert, durchströmt von sphärischen Lounge-Klängen hätte das Ganze genauso gut eine Insider-Location in Berlin sein können. Dass Menso Alting und die anderen Porträt-Herren der Reformation in ihren weißen Spitzenkragen an der Wand so was mal „erleben“ würden …
Die Gala in Häppchen:
Premiere feierte auch ein neues Gala-Conferencier-Gespann: Neben Jenni Zylka, die beim Festival sowieso schon alles moderiert hatte, was nicht niet- und nagelfest war, kam mit Milena Fessmann eine weitere moderationserprobte „Berliner Pflanze“ zum Einsatz.
Oberbürgermeister Tim Kruithoff haute im Bühnen-Schlagabtausch mit Jenni Zylka einen Emden-Spruch nach dem anderen raus, darunter diesen: „In Emden regnet es nie, und wenn was vom Himmel fällt, ist es ‘liquid sunshine’“. Eine Kostprobe dieses flüssigen Sonnenscheins gab es nach der Gala draußen gleich „live“ zu spüren.
Der OB verkündete auch die Gewinnerin der Stimmzettel-Auslosung: Zwei Übernachtungen für zwei Personen im Upstalsboom in Varel gewann die Emder Festivalbesucherin Michaela Götze aus Wolthusen.
NDR-Nachwuchspreis-Gewinner Marcus Lenz quoll fast über vor Überraschung und Freude: „Man weiß hier ja vorher wirklich gar nicht, ob man gewinnt.“ Er sprach aus Erfahrung, denn mit der Vorlage (Werktitel: „1000 Ameisen“) für seinen nun prämierten Film „Rivale“ war er schon für den Emder Drehbuchpreis 2016 nominiert - den damals Nora Fingscheidt mit „Systemsprenger“ gewann!
Regisseur Andreas Kleinert („Lieber Thomas“) erhielt den Creative Energy Award dafür, dass er sich zusammen mit Drehbuchautor Thomas Wendrich getraut hat, das sinnlich-überbordende Leben des Dichters und Gesellschaftskritikers Thomas Brasch auch sinnlich-überbordend zu erzählen. Kleinert nahm die Trophäe in ebenso mutig aufgeknöpftem Hemd entgegen - und bewies ungeahnte Emden-Kenntnisse: „75 Prozent rot gewählt, keine AfD-Parteiorganisation vor Ort und ein freier Geist aus der reformatorischen Geschichte – dass wir in so einer Stadt den Preis bekommen, hätte Brasch gefallen.“
Fabian Lieb (21) vom Produktionsteam von „Dear Future Children“ verknüpfte seinen Dank ans Publikum für den DGB-Preis mit einer emotionalen Rückschau auf das riskante Filmprojekt über Klima- und Demokratie-Aktivistinnen in Uganda, Chile und Hongkong. Dieses beschert dem jungen Filmteam (Durchschnittsalter: 24) bis heute Morddrohungen: „Allein heute wieder vier – aber wir meinen, mit Filmen kann man etwas anschieben, und vielleicht sehen wir ja die Welt in ein paar Jahren in einem anderen Licht.“
Extra-Applaus erhielt Kurzfilmpreis-Gewinner Arkadij Khaet („Masel Tov Cocktail“) für seine eindringliche Forderung nach mehr Solidarität mit deutschen Juden im Alltag „über all die Preise, die wir wirklich toll finden, hinaus“. Denn, so Khaet: „Jüdisches Leben hier ist bedroht – und oft einsam.“
Zum Running Gag wurde die Öffnung der Siegerumschläge durch die Preisstifter. Allesamt verzichteten (nachdem Stadtwerke-Chef Manfred Ackermann schon den Anfang gemacht hatte) auf das Angebot von Moderatorin Fessmann, solange das Mikro zu halten. Beim „Hauptverteiler“ Thomas Ehrlich (Score) hakte Fessmann gar nicht erst nach. Umso mehr Lacher gab es, als der sie bat: „Können Sie mal das Mikro nehmen?“
Score Bernhard-Wicki-Preis: 1. „Betrayed“ („Den største forbrytelsen“ von Eirik Svensson, Norwegen), Preisgeld: 10.000 Euro, 2. „Nachbarn“ (von Mano Khalil, Schweiz), 3000 Euro, 3. „Save Sandra“ („Red Sandra“ von Jan Verheyen und Lien Willaert, Belgien/Niederlande), 2000 Euro
DGB-Preis: „Dear Future Children“ (Deutschland/Großbritannien/Österreich) von Franz Böhm, Preisgeld: 7000 Euro
NDR-Filmpreis für den Nachwuchs: „Rivale“ (Deutschland/Ukraine) von Marcus Lenz, Preisgeld: 5000 Euro
Creative Energy Award der Stadtwerke Emden: Thomas Wendrich (Drehbuch) und Andreas Kleinert (Regie) für „Lieber Thomas“, Preisgeld: 5000 Euro
Ostfriesischer Kurzfilmpreis der VGH: 1. „Cuckoo!“ von Jörgen Scholtens (Niederlande), Preisgeld: 2500 Euro, 2. „Last Ride“ von Edson da Conceicao (Niederlande), 1000 Euro, 3. „Talk Radio“ von Ben S. Hyland (Großbritannien), 500 Euro
Engelke-Kurzfilmpreis der Sparkasse Emden: „Masel Tov Cocktail“ von Arkadij Khaet und Mickey Paatzsch (Deutschland), Preisgeld: 2500 Euro
Norderneyer Insel-Stipendium „Schreibtisch am Meer“: Regisseur und Autor Michael Kreihsl („Risiken und Nebenwirkungen“)
Emder Drehbuchpreis: „Sisterhood“ von Ines Berwing und Maximilian Feldmann, Preisgeld: 10.000 Euro, nominiert: „James“ von Natascha Bub und Marcel Gisler (1000 Euro), „Grüße vom Mars“ von Sebastian Grusnick und Thomas Möller (1000 Euro)
Integrationspreis „Norderneyer Engel“: Regisseurin Hille Norden für ihre Dokumentation „Heimat sucht Seele“, Preisgeld: 5000 Euro
