Emden - Auf die Teufelsinsel verirrt man sich als Schüler nicht so oft. An diesem Donnerstagnachmittag allerdings war gleich eine ganze Schulklasse mit dem Radel da. Der Grund: Die 24 Mädchen und Jungen der 10c vom Max-Windmüller-Gymnasium sind Teil eines neuen Pilot-Projektes auf der Vereinswerft des Arbeitskreises für historischen Schiffbau in Ostfriesland. Und das hat – natürlich – mit Bootsbau zu tun. Aber auch mit Mathematik.
Die nämlich soll „ganz heimlich“ beim Werkeln mitvermittelt werden, sagte Inka Petersen, Bootsbauerin und Leiterin der Jugendprogramme beim Arbeitskreis. „Messen, Übertragen, Umrechnen, mit Winkeln arbeiten – das gehört beim Bootsbau alles mit dazu“, ergänzte Dieter Gimperlein, Schiffsbauingenieur und Nordseewerker im Ruhestand und nun einer der ehrenamtlichen Mentoren bei dem Projekt. Dinge, die allerdings in der zehnten Klasse längst Lehrstoff waren. Aber noch nicht in der sechsten Klasse. Und auf die zielt das Projekt eigentlich. Petersen: „Wir möchten im nächsten Jahr allen Schulen anbieten, mit den sechsten Klassen Boote zu bauen.“
Dadurch sollen diese auf den Mathe-Stoff der siebten und achten Klasse vorbereitet werden. Das wiederum könnte verhindern, dass die Schüler später in der achten oder neunten Klassen wegen Mathe und Naturwissenschaften die Schule schmeißen – was nach der Statistik in dieser Phase besonders häufig passiert. Da ein solches Projekt für den Arbeitskreis und seine Ehrenamtlichen aber Neuland ist, dient die aktuell ins Boot geholte 10c vom „Max“ in der Pilotphase als Übungsklasse.
Bis Sommer 2022 sollen die Schüler zwei Ruderboote bauen – mit flachem Boden und flachen Seiten aus schlichten Sperrholzplatten, 3,6 Meter lang mit Platz für drei bis vier Personen. „Im Sommer sollen sie lospullen können“, sagt Mentor Dieter Gimperlein.
Gewerkelt wird einmal die Woche von 15 bis 18 Uhr auf der Vereinswerft. Dazu wird die 10c in zwei Gruppen aufgeteilt, die sich wöchentlich abwechseln. Angeleitet werden sie von Ilka Petersen und einem ehrenamtlichen Mentoren-Team, das noch auf vier Personen anwachsen soll.
Die 10c vom Max-Windmüller-Gymnasium dient als Probeklasse. Künftig sollen Sechstklässler aller Schulen am Bootsbau teilnehmen.
Nicht nur Spaß an Mathe soll vermittelt werden. „Wir leben in einer Seehafenstadt“, sagt Ilka Petersen. „Daher möchte ich, dass jedes Emder Kind einmal auf dem Wasser war.“
„Die Idee ist, mit den Zehntklässlern zwei Ruderboote zu bauen, um einerseits zu schauen, ob Kosten und Zeit richtig kalkuliert sind und wir das richtige Werkzeug besorgt haben – andererseits dient es dazu, die Ehrenamtlichen zu trainieren, damit wir ein gutes Team bilden“, erläuterte Petersen. „Wir werden zuerst auch viele technische Probleme zu lösen haben – das ist mit älteren Jugendlichen einfacher“, sagte Gimperlein. Mit Joschka Leonhardt gehört aber noch ein studierter Sozialarbeiter zum Mentoren-Team. Und falls es später mit den Sechstklässlern doch mal schwierig wird, ist ja auch noch Bootshündin „Lola“ als Anstubserin da.
Bei den Zehntklässlern vom „Max“ scheint diese Form der Extra-Motivation jedoch nicht nötig zu sein. „Das ist mal ein ganz anderes Schülerprojekt als gewohnt – ich glaube, das wird spannend“, sagte Hannes Bruns (15). Auch Jette Lehnert (16) freut sich schon darauf, loszulegen. „Ich habe vorher schon mit Holz gearbeitet, aber mehr für den Hausgebrauch – ein Boot zu bauen, das ist jetzt noch mal eine Stufe höher.“ Für Klassenlehrerin Christine Brand ist es schön, nach der langen Zeit im Homeschooling jetzt noch einmal etwas mit der ganzen Gemeinschaft unternehmen zu können. Nach dem Sommer gibt sie ihre Schüler an die Oberstufe ab. „Das hier ist jetzt praktisch unser Abschlussprojekt.“
Ermöglicht wird die Pilotphase zum Schulabbruch-Präventionsprojekt durch finanzielle Förderung von der Sparkasse Emden und vom kommunalen Präventionsrat, die jeweils 1300 Euro beisteuern. Für das Kernprojekt werden weitere Unterstützer gesucht.
