Emden - Bei der Lektüre in den letzten Tagen in der Presse über die Verteilung der Erbschaft von Bernhard Brahms fiel mir eine Geschichte wieder ein, die sich in den 1950er Jahren ereignete:
Bernhard Brahms, bekannter Emder, war ein langjähriger Freund von mir, der unter anderem das Glockenspiel im Rathaus gespendet hat. Er war von 1949 bis 1979 kaufmännischer Mitarbeiter auf den Nordseewerken und arbeitete in der Allgemeinen Verwaltung, zusammen mit Fritz Krause. Bernhard Brahms‘ Aufgabe war es unter anderem, die eingehende Post zu sichten und mit einem Eingangsstempel zu versehen. Die Verteilung der Post übernahmen Boten.
Es war an einem 1. April Anfang der 1950er Jahre, als Brahms einen für ihn sehr gefährlichen Aprilscherz ausheckte.
Im Juli 1953 war in Hamburg die „Tina Onassis“ des Tankerkönigs Aristoteles „Ari“ Sokrates Homer Onassis aus Griechenland als damals größter Tanker vom Stapel gelaufen. Im Frühjahr 1954 schloss Onassis in Dschidda in Saudi-Arabien mit König Saud einen äußerst lukrativen Vertrag ab. Onassis verpflichtete sich, den immer größer werdenden Bedarf Saudi-Arabiens an Super-Tankern zu decken. Dafür wurde ihm das Vorrecht des Transports eingeräumt, und er wurde am Verkauf des Öls beteiligt. Onassis vergab durch seine deutsche Gesellschaft, die Olympic Maritime AG in Hamburg, einen Auftrag in Höhe von 300 Millionen Mark zum Bau von Schiffen. Beteiligten Unternehmen gab er finanzielle Unterstützung.
Der Ruhrstahl AG in Hattingen, die Stahlbleche walzt, räumte Onassis einen Kredit von acht Millionen Mark ein. Auch stellte Onassis auf seinen Schiffen 600 deutsche Seeleute ein, die aufgrund der zerstörten oder beschlagnahmten Flotte Deutschlands keine Arbeit mehr hatten.
Von diesen ganzen Aktivitäten wusste Bernhard Brahms und er entwarf einen Brief an die Nordseewerke. Es war ja der 1. April, an dem üblicherweise auf der Werft Lehrlinge Scherze aushalten mussten. In diesem fingierten Brief teilte Onassis in englischer Sprache mit, dass er bereit sei, für -zig Millionen Dollar Tanker auf den Nordseewerken bauen zu lassen. Da er augenblicklich sehr „flüssig“ sei, habe er vor, sofort Anzahlungen in Millionenhöhe zu leisten. Man möge ihm die entsprechenden Konten aufgeben. Die Verträge könne man später unter „Dach und Fach“ bringen.
Dieses Schreiben schlug morgens am 1. April beim Leiter der Abteilung „Verkauf Schiffsneubauten“, Dr. Schröer, wie eine Bombe ein. Der informierte sofort die Geschäftsführer Dr. Paul Voltz und Dr. Emil Oberheide sowie den Betriebsleiter Herbert Bautze.
Die Sekretärin der Geschäftsführung bekam den Brief und wurde beauftragt, noch am selben Tage eine Sitzung im großen Sitzungszimmer des Verwaltungsgebäudes anzuberaumen.
Bernhard Brahms, der die Sekretärin, Claire Krawczyc, vorher eingeweiht hatte, bekam von ihr den Sitzungstermin sofort mitgeteilt. Und was machte Bernhard Brahms? Er kam eine ganze Zeit vor der Sitzung ins Sitzungszimmer und setzte sich unter den großen, fast den ganzen Raum ausfüllenden Tisch. Nach und nach kamen die Geschäftsführer, der Betriebsleiter und alle Prokuristen, um zu beraten, wie man mit diesem Angebot umgehen solle.
Bevor die Sitzung eröffnet wurde, fragte Dr. Voltz in die Runde, wo der Brief sei. Keiner hatte ihn. Wie sollten sie auch. Den hatten Bernhard Brahms und die Sekretärin aus dem „Verkehr“ gezogen. Die Sitzung sei mit lauten Misstönen zu Ende gegangen, erzählte mir Bernhard Brahms. Nur Dr. Schröer hätte gesagt, man müsse auch für Humor Verständnis haben. Er, Bernhard, sei nicht entdeckt worden. Wäre das passiert, hätte er sicherlich noch am gleichen Tag eine Standpauke erhalten, meinte er schmunzelnd, als er mir die Geschichte erzählte.
Ob die Geschäftsführung dahintergekommen ist, dass es ein fingierter Brief gewesen ist, hat Bernhard Brahms nie erfahren. Er konnte ja auch schlecht danach fragen.
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