Emden - Nicht lange bevor ich im Jahr 1968 als Betriebswirt die Baufirma meines Vaters, Sieben Eujen, übernommen habe, sind in Wolthusen von unserem Unternehmen mehrere Häuser gebaut worden. Eines der von uns gebauten Einfamilienhäuser war ein recht kleines Haus an der Ecke Wolthuser Straße/Butendiek, das der damalige Stadtbaurat Dr. Peter Diedrichs in Auftrag gegeben hatte. Er war maßgeblich für den Wiederaufbau der Stadt Emden nach dem Zweiten Weltkrieg verantwortlich. Für die Stadt musste er komplexe Planungen durchführen, was in den 1950er Jahren zu rasanter Bauwirtschaft führte. Sein eigenes Wohnhaus in Wolthusen wirkte recht bescheiden.

Hinter der Häuserreihe an der Wolthuser Straße Richtung Tholenswehr, wo Weiden mit Bombentrichtern die unbebaute Landschaft ausmachten und Reste an die alte Ziegelei erinnerten, sollte nach dem Zweiten Weltkrieg für die Bevölkerung, die wegen der Bombardierungen ihre Häuser verloren hatten und nun teils recht beengt wohnten, möglichst viel neuer Wohnraum entstehen. In Hannover hatte das nach dem Ersten Weltkrieg gegründete Wohnungsunternehmen, die Niedersächsische Heimstätte, Beispiele im preisgünstigen Wohnungsbau aufgezeigt, und dementsprechend sollte in Emden gebaut werden, auch mit Unterstützung des Instituts für Bauforschung in Hannover.

Mein Vater bekam den Zuschlag bei der Ausschreibung der Niedersächsischen Heimstätte, weil er das günstigste Angebot für eine Reihenhaus-Siedlung in Wolthusen machen konnte. Im Büro unserer Firma hatte die Belegschaft das sogenannte Takt-Verfahren entwickelt. Nach diesem Verfahren wurde der größte Teil der zu entwickelnden Wohnsiedlung von uns errichtet. Diese neue Idee im Bauwesen beinhaltete, dass der Arbeitsprozess in einzelnen Schritten, in einzelnen Takten, erfolgen sollte. Zum Beispiel war eine Gruppe von Arbeitern für das Gießen des Fundaments zuständig, eine andere für das Mauerwerk, die nächste für den Innenausbau und so weiter. Mit diesem sogenannten „Beispielbauvorhaben“ der Niedersächsischen Heimstätte konnten die Häuser schnell und kostengünstig entstehen, so dass in der Nachkriegszeit die Familien wieder mehr Platz zum Wohnen hatten.

Für das Bauvorhaben in Wolthusen galt als Vorbedingung, dass sämtliche Versorgungsleitungen und Abwasserleitungen bereits angelegt waren. Die Erschließung kostete die Stadt etwa zehn Millionen Mark. Die große Fläche, die einst im landwirtschaftlichen Besitz war, bot sich optimal an, um zentrumsnahen Wohnraum für viele Familien zu schaffen, wo zudem die Möglichkeiten zum Ausbau der Infrastruktur gegeben waren.

Bald entstand ein Lebensmittelmarkt an der Ecke Kieselstraße/Ziegeleistraße und ein Kindergarten in der Basaltstraße. In der Zeitung war damals Anfang der 1960er Jahre die Rede von Planungen für Kirche und Geschäftszentrum in bevorzugter Wohnlage.

Zudem hieß es: „Im Blickpunkt des Interesse stehen seit Jahren die Wohnungsbauten zwischen Wolthuser Straße und Friedhof Tholenswehr, zwischen dem Vorflutkanal und Filkuhlweg-Ziegeleistraße. 86 Reihenhäuser, 46 Gartenhofhäuser und 15 Einzelbauten sind dort fertiggestellt; geplant sind weitere 48 Reihenhäuser, 58 Gartenhofhäuser und 15 Einzelbauten. Für diese 210 Wohnungseinheiten (fertiggestellte und geplante) stehen 396 Einstellplätze und 197 Garagen zur Verfügung.“

Es entstanden neue Straßen, Bürgersteige und Radwege, Bootstege an den Kanalgrundstücken und ein Gemeindezentrum. Von 1955 bis in die frühen 1960er Jahre entwickelte sich im Bereich zwischen Wolthuser Straße-Kieselstraße-Treckfahrtstief-Vorfluter/Borßumer Kanal ein Baugebiet von Dutzenden Reihenhäusern, das bis heute Bestand hat. In späteren Jahren wurde jenseits der Brücke über den Vorfluter in Richtung Uphusen weitergebaut, so dass sich die Stadtteile immer weiter annäherten.Zur Person: Gerd Eujen wurde 1940 in Hage geboren. Mittlerweile Betriebswirt, übernahm er 1968 von seinem Vater Sieben Eujen (1908 bis 1969) die gleichnamige Baufirma.

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