Emden - Es grollt und piepst. Es staubt und scheppert. Unersättlich beißen sich die XXL-Abrissbagger durch das, was vom alten Fabrikkomplex zwischen Cirksena- und Hansastraße noch übrig ist. Die Schuttberge wachsen. Räummaschinen lernen das Bergsteigen. Anders ausgedrückt: Beim Ültje-Abriss, der noch bis etwa April dauern soll, ist Halbzeit.
Knapp drei Monate, nachdem Oberbürgermeister Tim Kruithoff symbolisch den Bagger-Hebel umgelegt hat, herrscht bereits von allen Seiten freie Sicht auf den roten Ültje-Turm (der erhalten bleibt) und den blau angestrichenen Treppenhaus-Turm (der noch abgerissen wird). „Die Arbeiten liegen im Zeitplan und kommen wie geplant voran“, sagte Stadtsprecher Eduard Dinkela auf Anfrage.
Massig Maschinen
Dafür hat das Cuxhavener Abrissunternehmen Freimuth auch ordentlich Maschinen im Einsatz: drei große Raupenbagger mit Abrissgreifzangen und Schaufeln, ein großer Radlader und mehrere Kipper-Lastwagen zum Abtransport des Materials. Dazu noch ein Steinbrecher zum Zerkleinern der Beton- und Klinkerbauteile. Schadstoffbelasteter Schutt wird laut Stadt „sachgerecht in der Region entsorgt“, der unbelastete zur Wiederverwertung verkauft.
Krater im Boden
Im Zuge dessen ist - von der Cirksenastraße aus gesehen - ganz nebenbei eine ganz neue Perspektive entstanden. Da, wo einst die Fabrikverwaltung den Blick aufs Gelände abschirmte, klafft - weil die Unterkellerungen ebenfalls abgebaut werden - nun ein Krater im Boden. Umsäumt von Mauerbruchstücken und zerborstenen Fensterrahmen.
Zukunftsszenario
Ein Knirps, der gerade mit seiner Mutter vorbeikommt, weiß Bescheid: „Die bauen da was Neues.“ Und das soll bekanntlich ein ganzes Stadtteilquartier werden: mit gut 200 Wohnungen, Grünflächen, neuem Supermarkt, Parkhaus plus Garagen im Untergeschoss einiger Wohnhäuser sowie Raum für Freizeit und Gastronomie, Kindergarten und Spielplatz und möglichst mit einer Überführung für Fußgänger und Radfahrer über die Bahngleise zur Gräfin-Anna-Straße.
Ein Stück Ültje bleibt
Auch die Erinnerung an die frühere Erdnussrösterei soll bewahrt bleiben. Nicht nur durch ein Aussichtscafé im alten Fabrikturm. So wurde der Ültje-Schriftzug des Verwaltungsgebäudes vor dessen Abriss gesichert. „Er soll als Reminiszenz der Ortsgeschichte eventuell in dem neuen Quartier wieder Verwendung finden“, bestätigte die Stadt
Nach Angaben Dinkelas sind das Planungsbüro Ulpts (Gewinner des Wettbewebs) und der Fachdienst Stadtplanung in Abstimmung mit den Emder Wohnungsbaugesellschaften bereits dabei, die Entwürfe so zu verfeinern, dass sie den Rahmen für die spätere architektonische Ausgestaltung bilden. Dafür sei bereits ein Bebauungsplan in Arbeit, der - nach Aufstellungsbeschluss durch den Rat - unter Beteiligung der Bürger und Träger öffentlicher Belange im laufenden Jahr nach und nach fertiggestellt werden soll.
Der Ablauf im Überblick
9. November 2020: Abriss-Beginn. Entkernen der Gebäude. Vorkehrungen zum Schutz von Fauna und Flora (Anbringen von Fledermauskästen, Baumschutz).
Ab 16. November: Abbau von Einzelteilen und Wertstoffen an den ehemaligen Fertigungs- und Lagergebäuden links und rechts vom roten Ültje-Turm. Parallel: Abriss von Garagen und Trafohäuschen nahe der Bahngleise.
Ab 23. November: Abriss des größten Gebäudeteils (Richtung NP-Markt).
Ab 7. Dezember bis jetzt: Abriss der Gebäude Richtung Cirksenastraße, darunter vor wenigen Tagen auch das Ültje-Verwaltungsgebäude direkt an der Straße.
In den nächsten Wochen: Rückbau der Keller, Entsorgung des Schutts, Abriss des blauen Turms.
Für das zweite Quartal 2021 ist die vollständige Räumung des Geländes samt Absicherung des Ültje-Turms (er bleibt erhalten) vorgesehen.
Die Abrisskosten betragen etwa 700 000 Euro. Ein Drittel zahlt die Stadt, den Rest tragen Land und Bund (Städtebauförderprogramm „Sozialer Zusammenhalt“).
Per Webcam ist der Fortschritt zu verfolgen: www.emden.de/ueltje
