Emden - Es ist Februar 2005. Glockenspiel- und Delftspucker-Stifter Bernhard Brahms (gestorben 2019) sitzt in seiner Wohnung ganz oben im Hochhaus Schreyers Hoek und erzählt eine bis dato ungehörte Geschichte. Darüber, wie er als 15-jähriger Hitlerjunge desertierte, um nicht in den letzten Tagen des Krieges als sinnloses Kanonenfutter zu enden.
Premiere ist am Dienstag, 6. Juli, um 18 Uhr im vhs-Forum. Um 20 Uhr wird der Film noch einmal gezeigt. Der Eintritt ist jeweils frei.
Die Platzzahl ist coronabedingt begrenzt, daher wird um Anmeldung gebeten:
Wenn sich mehr anmelden als Plätze da sind, sollen weitere Vorführungen organisiert werden.Der Film dauert rund 40 Minuten, danach besteht Gelegenheit zum Gespräch.
Diese bis heute nie öffentlich gezeigte Sequenz aus einem Zeitzeugen-Interview, das er damals mit Unterstützung des Hochschulstudenten Stefan Nieman auf Video bannte, hat Onno Santjer vom Kommunalen Präventionsrat nicht losgelassen. Seine Idee: „Daraus müsste man einen Lehrfilm machen - zur Anschauung für die jungen Generationen, wie autoritäre Staaten mit Menschen und auch mit Kindern umgehen.“ Mit Hilfe von Filmemacher Torsten Meinders (Stadt Emden) ist das jetzt gelungen. Am 6. Juli um 18 Uhr hat der Film im Forum der Volkshochschule Premiere.
„Fahnenflucht eines Kindes in die Freiheit“ lautet der Titel des 40-minütigen Films. Brahms hat seine Geschichte in dem Interview selbst so betitelt. Und durch die lebendige Schilderung des damals 75-Jährigen, der zeit seines Lebens ein begnadeter Erzähler war, fühlt sich auch der Betrachter selbst in den Jungen von 1945 kurz vor Kriegsende hineinversetzt.
Mit dem Lauf des Gewehrs im Rücken
Etwa, wie er mit sich ringt, ob er sich wirklich der Einberufung zum Militärdienst auf den letzten Drücker entziehen soll, auch wenn darauf der Tod als Strafe steht. Und man spürt fast selbst den Lauf des Maschinengewehrs im Rücken, als der junge Bernhard später von einem kanadischen Soldaten in seinem Hühnerstall-Versteck entdeckt wird.
Bernhard Brahms ist am 9. Juni 1929 in Emden geboren und starb am 28. Juli 2019.
Als am 6. September 1944 alliierte Bomber große Teile der Stadt zerstörten, gab er sich das Versprechen, Emden ein Glockenspiel zu stiften, sollte er den Krieg überleben. Dieses löste der ehemalige Nordseewerke-Angestellte im Jahr 2000 ein.
2002 erhielt Brahms die Ehrenmünze der Stadt Emden.
Durch die Stiftung eines Gedenksteins (2010) erinnerte er an das Schicksal von fünf jungen ukrainischen Zwangsarbeitern, die 1944 durch Nazis erhängt wurden.
Der Delftspucker „Hinni“, war 2017 ein weiteres Geschenk an seine Stadt.
Doch es wird nicht einfach nur das Interview gezeigt, in dem Brahms neben dieser Begebenheit (die einen thematisch durchaus an den Film „Die Brücke“ von Bernhard Wicki erinnern kann) auch noch andere Szenen aus dieser Zeit schildert. So hat Meinders flankierend dazu historische Fotos und Filmsequenzen eingebaut - beigesteuert unter anderem vom Landesmuseum, Stadtarchiv und Hobby-Historiker Dietrich Janßen. Das verstärkt die Eindrücke und ordnet sie ein in den historischen Zusammenhang. „Der Film ist auch ein Appell, sich für den Erhalt der Demokratie einzusetzen“, sagt Onno Santjer.
Aus der Grundidee, einen Lehrfilm für Schulen zu machen, ist nun noch ein bisschen mehr geworden. „Wir möchten, dass jeder Emder, der den Film sehen will, ihn auch zu sehen bekommt.“ Daher ist die Volkshochschule mit im Boot, die damit ihr Forum erstmals seit Corona wieder zur Filmarena macht.
„Den letzten Film haben wir am 30. Januar 2020 dort gezeigt“, sagte vhs-Fachbereichsleiterin Silke Santjer. „Wir haben uns daher wirklich gefreut, als die Anfrage kam.“
