Wie geht es Familien in der Pandemie?

Thomas SprengelmeyerDas ist sehr unterschiedlich und abhängig von ganz verschiedenen Faktoren. Leben die Familien in einer Wohnung? Wie groß ist die? Leben sie in einem Haus? Wie viele Personen sind überhaupt in dem Haushalt? Es ist auch abhängig von der Kreativität.

Gibt es vermehrt Anfragen von Familien, die um Rat bitten?

Sprengelmeyer: In den letzten Wochen habe ich den Eindruck bekommen, dass einige Menschen etwas dünnhäutiger werden. Da versuchen wir entgegen zu wirken: über die Kindertagesstätten, über die Jugendhilfeträger, die Familienunterstützung. Wir sagen: Haltet den Kontakt, gebt Tipps, was man über den Tag machen kann! Animiert die Familien, auch mal raus zu gehen, in Bewegung zu bleiben. Aber die Luft wird dünner.

Das äußert sich konkret in vermehrten Anfragen?

Sprengelmeyer: Ja. Das äußert sich in vermehrten Anfragen und auch in der Form der Anfragen bei uns. Aber der ganz große Teil der Menschen hat viel Verständnis für die Maßnahmen.

Frage: Lässt sich die Steigerung beziffern?

Sprengelmeyer: Nein. Sie lässt sich nicht beziffern, weil die Leute ja nicht nur direkt bei uns nachfragen, Aber für Emden ist wichtig: Es gibt keine großen Steigerungen bei den Eskalationen. Wir haben nicht spürbar mehr Inobhutnahmen zum Beispiel - dass wir Kinder aus Familien herausnehmen müssen. Das liegt vielleicht daran, dass wir hier doch ein bisschen ländliche Struktur haben.

Frage: Also wirkt sich Corona nicht eskalierend aus?

Sprengelmeyer: So wie wir das im Moment mitkriegen, ist das nicht der Fall. Man weiß natürlich nie, was hinter den geschlossenen Türen passiert. Vor allem wissen wir nicht, wie die Langzeitauswirkungen sein werden. Wir werden vielleicht erst später erleben, wo nachgearbeitet werden muss.

Frage: Was sind denn die häufigsten Anliegen der Familien?

Sprengelmeyer: Das sind natürlich Erziehungsprobleme, da geht es auch um die Frage, wie man die Zeit miteinander verbringen kann.

Frage: In Gesprächen beklagten Kinder am meisten den Verlust von Hobbys, ihr Fußballtraining, die Turnstunde. Wie wichtig ist das für Kinder?

Sprengelmeyer: Das ist oberwichtig! Da geht es nicht nur um die Kontakte zu Freunden und Bekannten, da geht es um die weitere Entwicklung: sich zu stärken, sich auszuprobieren. Es geht darum, Energie abzubauen und zu gewinnen. In dem wichtigen Feld wird es einiges zur Nachbearbeitung geben.

Frage: Die Schule spielt eine ähnliche Rolle wie das Hobby?

Sprengelmeyer: Auf jeden Fall! Ganz viele Kinder und Jugendliche beklagen, dass ihnen das Treffen mit Gleichaltrigen fehlt. Das ist ein echtes Problem. Auch für die älteren Jugendlichen, die in der Pubertät sind. Die haben ja gar keine Chance, Partnerschaften zu finden. Solche Kontakte sind aber sehr, sehr wichtig, und nicht nur wegen dem hormonellen Drang. Da geht es um Anerkennung, um die Steigerung von Selbstvertrauen und mehr.

Frage: Eltern fürchten, dass bei ihren Kindern was zurück bleibt in der Seele: eine Art Grundmisstrauen. Wie groß ist die Gefahr?

Sprengelmeyer: Das ist schon eine ernstzunehmende Gefahr. Es ist natürlich immer davon abhängig, wie gut so ein Familienverbund damit umgeht. Das ist eine ganz große Anforderung an die Eltern: Wie kann man trotz der Einschränkungen so etwas wie Lebensmut und Zuversicht vermitteln? Das ist schon ohne Corona eine große Aufgabe.

Axel Pries
Axel Pries Ostfriesland-Redaktion/Leer