Aurich-Tannenhausen - Es regnet, es ist kalt, aber wenn Dr. Jan F. Kegler von dem Erdhügel vor ihm zu erzählen beginnt, dann schwingt bei ihm Begeisterung mit. „Dieses Grab ist eines der ’Top Ten’ unter den Großsteingräbern“, erzählt er bei einem Besuch in Tannenhausen. Mitten in dem Auricher Dorf liegt es, in einem kleinen Park, den die Ostfriesische Landschaft angelegt hat, um dazustellen, wie Menschen gegen Ende der Steinzeit ihre Toten bestatteten – und wahrscheinlich gelebt haben.
Bestattungen mit großem Aufwand
Der erste Eindruck ist durchaus beeindruckend: Eine Reihe tonnenschwerer Findlinge mit einem krönenden Deckstein obenauf steht inmitten des Parks. Davor ragen Holzstämme aus dem Boden. Wer sich dem Grab nähert, kommt schnell ins Grübeln, wie die Vorfahren es wohl angelegt haben mochten in einer Zeit, in der weder das Rad noch der Flaschenzug bekannt waren. Es müssen kräftige Menschen in starken Gemeinschaften gewesen sein, die auch ein gutes Motiv gehabt haben. In jedem Fall war es wohl eine Art Jenseitsverständnis, das zu der Kraftanstrengung führte, mutmaßt der Archäologe. Vielleicht steckte auch schon eine ausgefeilte Religion dahinter: „Es ist nicht überliefert, was die Menschen 3500 Jahre vor Christus glaubten“, erklärt Dr. Kegler die Schwierigkeit, aus wenigen Funden fundierte Rückschlüsse zu ziehen. Aber der Aufwand der Bestattung spreche in jedem Fall für Empathie und Totenverehrung. „Sie haben die Toten ja nicht einfach verscharrt.“
Das Grab erzählt noch mehr von der Lebensweise der Menschen während der Trichterbecherkultur – die ihren Namen von trichterförmigen Bechern erhalten hat, die erhalten geblieben sind. Solche Funde kamen zutage, als man sich näher mit den steinernen Überresten beschäftigte, die über Jahrhunderte zwar bekannt, aber eher unbeachtet am Rande von Tannenhausen gelegen haben – zum Teil in Flugsand verschüttet. Beinahe wären sie sogar weggeräumt worden, brauchte man doch Steine für den Straßenbau. Tatsächlich ist wohl das eine oder andere Relikt der Steinzeit im Untergrund der Straßen rund um Tannhausen verbaut worden.
Jene drei originalen Brocken mitten in Tannenhausen – „Brot, Butter, Käse“ genannt – wurden erstmals im 18. Jahrhundert von Petrus Tergast untersucht, der darin bei Grabungen mehrere Gefäße entdeckte. Man geht davon aus, dass es zwei Decksteine und ein Tragstein gewesen sind. Ab 1961 untersuchten Experten die Grabstelle dann tatsächlich wissenschaftlich, und als die Abräumung drohte, um den Sand zu gewinnen, kaufte die Ostfriesische Landschaft das Gelände auf. Die wissenschaftlichen Untersuchungen dazu förderten eine Menge keramische Scherben zutage, aber keine menschlichen Überreste. „Im Sandboden halten Leichen sich nicht lange“, meint der Archäologe. Schließlich kam der Beschluss, die ganze Grabanlage anhand der nachvollzogenen Grundrisse im Boden nach altem Vorbild neu aufzubauen. „Wir wollten visualisieren, wie es ausgesehen haben könnte“, erklärt Dr. Kegler.
Hinweise auf ein zweites Grab
Es klingt nach sehr penibler archäologischer Arbeit, wenn er erklärt, wie man auf die heutige Form gekommen ist. Grundlage der Erkenntnis ist das archäologische Bonmot: „Nichts hält sich länger als ein Loch.“ Wo ein Loch war, hat der Boden eine andere Struktur, und so ergaben genaue Bodenuntersuchungen nicht nur die Stelle, an denen neben den drei Findlingen ebenfalls einmal ein zweites Grab gewesen sein muss, sondern auch, wo einzelne Steine gestanden haben. Entsprechend bauten die Archäologen der Ostfriesischen Landschaft ein Grab nach. „Es sind nicht die originalen Steine, aber sie stehen, wo sie früher auch standen.“
Das Ergebnis soll dem nahekommen, was vor 5000 Jahren tatsächlich dort errichtet worden ist – wobei die Altersangaben zwischen 5000 und 6000 Jahren unterschiedlich ausfallen. Ins Innere kommt man nicht, aber eine Zeichnung im Eingang stellt dar, wie es ausgesehen haben mag, wenn dort Tote abgelegt wurden. Nicht zu gruselig, erklärt der Archäologe: „Es schauen ja auch Kinder hinein.“ Der Auricher Grafiker Nikolaus Hippen stellt dazu auf großen hölzernen Tafeln auch Szenen mit Menschen dar, wie sie einst existiert haben könnten. Sie tragen frühzeitliche Kleidung, kommen einem aber nicht fremdartig vor. Das ist Absicht, sagt Jan F- Kegler: Die Zeichnungen sollten Menschen darstellen, wie man sie auch in der Auricher Fußgängerzone antreffen könnte. Menschen wie wir.
