Greetsiel - Greetsieler mögen sich dieser Tage beim Griff in den Postkasten wundern. Denn darin befindet sich politischer Sprengstoff in Form eines Infoblatts, in dem die Vergabe der kostengünstigeren Baugrundstücke im geplanten Baugebiets Greetsieler Grachten II kritisiert wird. Als Verfasser weist das Schreiben Ratsherrn Helmut Roß (HaRo) aus. Neben Roß unterstützen der SWK-Fraktionschef Reiner Willms, CDU-Fraktionschef Roelf Odens und KLG-Chef Enno Cornelius das Schreiben. Sie bieten sich auch als Informationsempfänger an, an die sich unzufriedene Personen wenden können, die sich bei der Vergabe der Baugrundstücke übergangen fühlen.
Roß und Odens bestätigten am Mittwoch die Echtheit des Schreibens gegenüber dieser Zeitung, das in den nächsten Tagen alle Greetsieler Haushalte erreichen solle. In dem Schreiben kritisiert die Vierer-Truppe unter anderem, dass durch die Punkteverteilung zur Vergabe der Baugrundstücke nicht nur jüngere, sondern auch ältere Greetsieler ab 50 Jahren zum Zuge kommen. Als Beispiel taucht ein „älteres Ehepaar“ auf, das „im Dorfkern über vier Eigentumswohnungen verfügt“ und nun ein günstigeres Baugrundstück erhalten haben soll.
Pikant an dieser Sache: Die Bewerber für die Baugrundstücke waren der Politik lange Zeit gar nicht bekannt. Statt Namen tauchten auf den Bewerberlisten nur Zahlen auf. So sollten Bevorzugungen vermieden werden. Auf Nachdruck hätten die Politiker schließlich aus der Verwaltung die konkrete Namensliste bekommen, heißt es in dem Infobrief. Odens erklärt, es habe zahlreiche Beschwerden jüngerer Interessierter gegeben und daher hätten die Politiker wissen wollen, ob bei der Punktevergabe alles so gelaufen sei, wie sie es sich gewünscht hätten. Roß kündigte gegenüber dieser Zeitung weitere Schritte an, um die Rechtmäßigkeit der Baugrundstücksvergabe prüfen zu lassen.
Das Rathaus selber wollte sich am Mittwoch auf Nachfrage zu dem Infobrief und den bekannt gewordenen Namen nicht äußern. Es wurde eine Stellungnahme für Freitag angekündigt. Vorher, am Donnerstagabend, wollen Verwaltung und Spitzenpolitiker im nichtöffentlichen Verwaltungsausschuss über die Vergabe der Baugrundstücke diskutieren. Es ist zu erwarten, dass dabei auch die Sprache auf den Infobrief kommen wird.
Das Baugebiet Grachten II liegt unmittelbar an der Kleinbahnstraße im Südwesten des Ortes. Dort entstehen rund 40 Grundstücke zum günstigeren Preis von 99 Euro pro Quadratmeter. Diese Grundstücke waren lange Zeit als „Grundstücke für Einheimische“ bekannt und sollten auch Krummhörnern den Kauf eines Baugrundstücks ermöglichen, die den regulären Preis von deutlich mehr als 200 Euro pro Quadratmeter nicht zahlen können. Zu diesem Preis werden die übrigen rund 70 Baugrundstücke veräußert. Das dafür von Politik und Verwaltung ins Leben gerufene Punktesystem berücksichtigt vor allem soziale Aspekte wie im Haushalt lebende Kinder oder pflegebedürftige Angehörige, gibt aber auch Punkte für ehrenamtliches Engagement oder einen bereits in der Krummhörn existierenden Wohnort.
