Hage - Dieser Tage kommt man kaum um die Kampagne der Bundesregierung herum: „Jede Impfung zählt“ heißt es bei ProSieben, im Logo von McDonalds und Co. „Jede Impfung zählt“ - nur nicht in Ostfriesland, wie ich und etliche andere am Wochenende feststellen mussten. Aber von Anfang an.
Sonnabendmorgen, 8.15 Uhr, wenige Grad über Null. Gemeinsam mit dem Lebensgefährten meiner Mutter reihe ich mich in die etwa 30 Meter lange Schlange vor der Arztpraxis in Hage ein. Ein offenes Impfangebot, so wurde es jedenfalls beworben, lockte mich und unzählbar viele andere hier her. Der Wunsch nach einem höheren Maß an Immunisierung, wohl auch verbunden mit der Perspektive, von der Testpflicht befreit zu werden, eint uns alle, die wir hier stehen. Jung und alt, reich und arm, Empfänger von Erst-, Zweit oder Drittimpfungen.
Top-Standort für Glühwein oder Grog-Verkauf
Zäh geht es voran, ab 9 Uhr öffnet die Praxis offiziell die Pforten und beginnt mit den Injektionen. Um 9.30 Uhr haben wir die Eingangstür erreicht, die ersten warmen Luftzüge der sich öffnenden und wieder schließenden Tür fühlen sich unsagbar gut an. Der eigene Körper hat mittlerweile, zumindest gefühlt, jede Verbindung zu den Füßen gekappt. Energie sparen - und auch ein Körper muss einsehen, wenn etwas verloren ist. Ab 10 Uhr stehen wir im Treppenhaus und erklimmen Stufe um Stufe. Bis gegen 10.15 Uhr die eigentliche Praxistür in Sichtweite gerät. Bis hierhin haben wir uns etliche Male mit den anderen Impfwilligen über die Politik, die neue Regierung, das Wetter, das Glück, dass es nicht regnet und über die wirtschaftlich goldenen Perspektiven eines Glühwein- und Grogstandes neben dieser Warteschlange unterhalten. Aber auch darüber, wer überhaupt geimpft wird. Und etliche sprachen davon, zuvor angerufen zu haben und es sei kein Problem, geimpft zu werden, wenn die Zweitimpfung zumindest vier Monate zurückläge. Auch wir hatten zuvor angerufen, sogar das Datum der zweiten Impfung mitgeteilt und wurden mit den Worten verabschiedet: „Das ist kein Problem, stellen Sie sich dann einfach an.“
Schimpfen, Meckern und ein Ohnmachtsgefühl
Noch voller Vorfreude, dass die Torturen der Impfstoff-Knappheit künftig für uns keine Relevanz mehr haben werden, fragte einer der vorderen die Praxisangestellte. Er wähnte sich in Sicherheit, doch was dann kam, ließ die Gesichtszüge etlicher Anwesender entgleiten: Stichtag ist der 18. Juli. Wer am 19. oder 20. Juli zweitgeimpft wurde, so wie ich, der darf wieder nach Hause gehen. So oder so ähnlich hat die Angestellte es formuliert - ich nahm es nicht mehr ganz genau wahr. Ich geriet in einen tranceähnlichen Zustand. Die letzten zwei Stunden sausten an meinem geistigen Auge vorbei. Irgendwann kam ich wieder zu mir, wohl auch durch das Brüllen und Schimpfen der Anwesenden. Ich versuchte zu argumentieren, bezog mich auf die Impfkampagne: „Das ist egal, wir halten uns an die Vorgaben“, bekam ich zu hören. Eine Frage bleibt: Welche Vorgaben denn genau?
Aufklärung darüber kann Dr. Helmut Schaer, Mediziner aus Riepe, geben, da die Hager Arztpraxis nicht erreichbar ist. Laut Schaer gibt es rechtlich und immunologisch keinen Grund, nicht vor Ablauf der fünf Monatsfrist zu boostern. Ab dem vierten Monat sei das ein sinnvolles Vorgehen, so Schaer: „Das zeigen Studien deutlich - ab dem vierten Monat ist es besonders wirkungsvoll“. Er selbst hätte niemanden wegen zwei, drei oder mehr Tagen nach Hause geschickt, erklärte Schaer. Aber es sei auch immer ein Abwägungsprozess der jeweiligen Praxis, denn die Impfstoffe sind ein begehrtes und knappes Gut.
