Harlingerland/Friesland - Ich habe mich damals mit 18 zu allererst bei meiner Mama geoutet. Ich hatte seit Tagen das Gefühl, dass es endlich raus muss, damit der „Druck“ in mir endlich nachlässt.
Ich wollte es ganz schnell zwischen Tür und Angel erledigen, weil ich wusste, dass meine Schwester zum Mittagessen vorbei kommt und das Thema sicher erstmal ruht, bis sie wieder weg ist.
Nur leider kam es natürlich anders als gedacht. Meine Schwester kam nicht vorbei und meine Mutter und ich saßen alleine am Tisch und es wurde natürlich ausgiebig darüber gesprochen. Aber was soll ich sagen? Meine Mutter ist super verständnisvoll damit umgegangen – so wie der Rest meiner Familie auch.
Heute ist es für mich kein großes Ding mehr zu sagen: Ich bin schwul. Ich könnte heute darüber lachen, wie viele Gedanken ich mir damals gemacht habe – für nichts. Ich bin ich – egal, welches Geschlecht ich liebe.
Markus Frieberg, 27 Jahre, Jever
„Schwule Phase“ wollte nicht enden...
In meiner Jugend schrieb die „Bravo“ noch, dass Homosexualität eine „Phase“ sei. Zudem war mein Umfeld recht konservativ. Also beschloss ich, das Ende der Phase abzuwarten. Ich lernte meine Frau kennen, bin Vater von drei Kindern – und habe gemerkt, dass meine „schwule Phase“ nicht enden will. Mit 38 hatte ich mein Coming-out – anfänglich verbunden mit erheblichen Konflikten im Familien- und Freundeskreis. Seit 2008 lebe ich mit meinem Partner zusammen, seit 2011 verpartnert nach dem Lebenspartnerschaftsgesetz und nachdem die Ehe für alle möglich wurde, sind wir seit Februar 2018 verheiratet. Mein Partner wird von meiner Familie und den Kindern geliebt...
Jan Meggers, 51 Jahre, Wilhelmshaven
Von Anfang an von allen akzeptiert
Der 10. Oktober 2015 ist für mich einer von mehreren Geburtstagen, denn seit diesem Tag lebe ich als Frau. Schon als Kind habe ich gespürt, dass ich anders bin, aber ich wusste einfach nicht, wie ich damit umgehen sollte. Mein Weg in die Öffentlichkeit begann am 7. Februar 2013 – nachdem meine zweite Ehe vier Monate vorher in die Brüche gegangen war. Meine weibliche Seite nahm immer mehr Platz ein.
Im Sommer 2015 hatte ich beinahe einen psychischen Zusammenbruch und habe mit der Geschäftsführung bei meinem Arbeitgeber Nordfrost gesprochen. Hier bekam ich Rückhalt und so habe ich meinen Urlaub als Testurlaub geplant. Ich musste feststellen, ob ich durchgängig über einen Zeitraum von drei Wochen als Frau leben kann. Am Ende traf ich die Entscheidung und ich habe mich zum Glück für meine weibliche Seite entschieden. Ich wurde von Anfang an von allen akzeptiert und fast fünf Jahre später ist meine Transition kaum noch Thema.
Andrea Fleßner, 50 Jahre, Jever
„Coming-Out war alles andere als einfach“
Meine Frau Jutta und ich sind seit April 2015 ein Paar. Bis dahin verlief unser Lebensweg bezüglich Coming-out sehr unterschiedlich. Meine Frau ist eine Spätzünderin und die Beziehung zu mir ist ihre erste überhaupt. Ich hatte mein Coming-out mit 17 – im Jahr 1984. Das war alles andere als einfach. So gab es noch kein Internet und es war schwierig zu begreifen, was wohl mit mir nicht „stimmt“. Seitdem ist sehr viel passiert. So habe ich länger in Oldenburg und in einer Beziehung gelebt, wo sich im Laufe der Jahre eine große Szene mit vielfältigen Veranstaltungen, allen voran der Christopher Street Day (CSD) Nordwest, entwickelt hat. Beim ersten CSD 1995 in Oldenburg waren wir übrigens mit einer Handvoll Leuten dabei.
Wir sind seit Dezember 2017 verheiratet. Unsere Eingetragene Lebenspartnerschaft haben wir in die Ehe umwandeln lassen. Wir waren also zwei Mal auf dem Standesamt und haben uns zwei Mal das Jawort gegeben.
Irina Wiezorrek, 53 Jahre, Wilhelmshaven
Vater zeigte tolle Reaktion
Mein Coming-out hatte ich an Weihnachten 2006, was Weihnachten jetzt noch einmal mehr besonders für mich und meine Familie macht.
Rückblickend war meine Angst und das, was ich mir im Kopf ausgemalt hatte, welche Reaktionen es geben wird, völlig unbegründet. Und das, obwohl ich aus dem ziemlich katholischen Sauerland komme. Mein Vater zeigte die tollste Reaktion. „Ach, ich dachte schon, es wäre etwas Schlimmes. Das gibt es doch in der Tierwelt auch.“ Ich denke, die Angst im Kopf ist oft die größte Hemmschwelle.
Anke Hieronymus, 39 Jahre, Wilhelmshaven
