Emden - Auf Youtube, Facebook und Instagram teilt Mirco seine Geschichte mit der Öffentlichkeit, um - nach eigener Aussage - die Welt ein bisschen toleranter zu machen.

Mirco, du hast dich vor einem halben Jahr öffentlich als homosexuell geoutet. Was hat dich zu diesem Schritt bewogen?

Mirco Frerichs Vor allem der Zuspruch meiner Community. Viele haben es ja auch schon geahnt. Ich habe Nachrichten von Menschen bekommen, die sich selbst nicht wohl fühlen, weil sie sich zu dem gleichen Geschlecht hingezogen fühlen. Dann habe ich mir selbst gesagt: „Okay Mirco, du bist schwul, also mach es öffentlich“, um den Menschen vielleicht auch zu helfen. Erst hatte ich auf gut Deutsch „die Eier nicht dazu“, weil ich Angst vor den Reaktionen hatte. Mein Coming Out auf Instagram und meinem Youtube-Kanal habe ich deswegen lange geplant. Ich wollte mich bei diesem Schritt auch wirklich sicher fühlen. Und dann war es eben raus. Meine Mutter wusste natürlich schon vorher bescheid - Eltern haben ja auch ein Gespür dafür.

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Mirco, wie hast du dich gefühlt, nachdem du selbst gemerkt hast, dass du homosexuell bist?

Mirco Frerichs Im ersten Moment war es wirklich ein Gefühlschaos für mich. Ich wollte mir das erstmal alles ausreden. Ich kannte es halt nur so, wie es auch in der Gesellschaft präsentiert wird: Eine Frau muss einen Mann lieben und ein Mann eine Frau. Damit habe ich mich schwer getan. In dieser Zeit habe ich mich privat oft in meinem Zimmer verkrochen. Ich hatte zwar auch Beziehungen mit Mädchen, aber ich habe mich schon immer mehr zu Jungs hingezogen gefühlt und so wurde mir langsam bewusst, dass ich schwul bin.

Heute gehst du in den sozialen Medien offen mit deiner Homosexualität um. Wie waren die Reaktionen auf dein Coming Out im Netz?

Mirco Frerichs Teils positiv, teils negativ. Meine Mama war sehr stolz auf mich, dass ich diesen Schritt gegangen bin und mich auch öffentlich geoutet habe. Aber ich bekomme auch heute noch tagtäglich sehr schlimme Nachrichten. Gerade deshalb ist es mir einfach wichtig mit diesem Thema an die Öffentlichkeit zu gehen und den Menschen davon zu erzählen, dass wir einfach noch nicht akzeptiert werden. Wir werden in Deutschland, oder auch in Emden, einfach nicht akzeptiert. Aber wir sind ja keine Unmenschen, wir sind eben Menschen, die einfach nur anders lieben.

Mirco Frerichs

Zur Person Mirco Frerichsist in Emden geboren und aufgewachsen. Neben seinem Beruf als Pfleger in Vollzeit, beschäftigt sich der heute 20-Jährige auf seinen Social-Media-Kanälen (Youtube, Facebook und Instagram) mit Themen wie Toleranz und Aufklärung.

Im Dezember vergangenen Jahres wurdest du in der Neutorstraße angegriffen und bedroht. Den Vorfall hattest du auch auf deiner Facebook-Seite öffentlich gemacht. Wie ist es dir seither ergangen?

Mirco Frerichs Ich lebe in ständiger Angst. Seit dem Vorfall hat sich der Alltag für mich verändert. Ich gehe schon raus, schaue aber oft hinter mich. Die Täter wurden ja nicht gefasst. Damals kam zum Glück in dem Moment eine Frau vorbei, die mir geholfen hat. Aber was wäre passiert, wenn die Frau in diesem Moment nicht da gewesen wäre?

Wie sind die Reaktionen zu dem Vorfall auf Facebook ausgefallen?

Mirco Frerichs Überrascht hat mich im Nachhinein vor allem der positive Zuspruch, den ich unter meinem Post auf Facebook erhalten habe. Dankbar bin ich auch dem Café Life-Point für das damalige Hilfsangebot - auch wenn ich ihnen noch keinen Besuch abgestattet habe, weil ich das Ganze erstmal für mich verarbeiten musste. In Zukunft möchte ich da aber gerne Mal vorbeischauen. Jetzt habe ich den Vorfall so gut es geht verarbeitet. Das Leben muss weitergehen, auch wenn es nicht immer leicht ist. Es war für mich wie ein schlechter Traum - das ist es heute noch. Momentan bin ich einfach froh, dass es hell ist, wenn ich morgens um fünf zur Arbeit fahre.

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Gab es nach dem Angriff am zweiten Weihnachtstag weitere Anfeindungen dir gegenüber?

Mirco Frerichs Ja, am Delft zum Beispiel. Ich war einkaufen und im Anschluss wurde ich in aller Öffentlichkeit angefeindet. Zum Glück wurde ich nicht körperlich angegriffen. Es waren einfach junge Leute, die mir „tötet es bevor es Eier legt“ hinterherriefen. Aber tagtäglich bekomme ich auch typische Wörter wie „Homo“ oder „Schwuchtel“ zu hören. Damit habe ich im Alltag zu kämpfen. Es ist hart, aber es ist leider so. Ich glaube Emden ist vielleicht auch einfach in Sachen Toleranz noch nicht soweit.

Wie gehst du damit um?

Mirco Frerichs Es ist schwierig für mich diese Kommentare zu hören oder auch im Netz zu lesen. Leute die sagen: Sie lesen diese Kommentare nicht, die lügen. Man liest sie einfach trotzdem, weil man wissen möchte was die Menschen so schreiben. Ich kann diese Kommentare auch nicht überlesen. Ich muss für mich einfach damit klarkommen, dass die Leute mich im Internet und in der Öffentlichkeit beleidigen. Wenn ich aber auf der Straße das Gefühl bekomme mich will jemand angreifen, dann würde ich sofort die Polizei rufen. Sobald ich das Gefühl habe, ich werde verfolgt, würde ich sofort die 110 wählen und direkt um Hilfe bitten.

Hier geht es zu Mirco Frerichs Instagram-Account: mircokanalofficial

Auf deinen Social-Media-Kanälen beschäftigst du dich unter anderem mit dem Thema Aufklärung - in einer Zeit in der viele vielleicht denken „das Ganze ist doch nicht mehr der Rede Wert“ - was treibt dich an?

Mirco Frerichs Mir ist es einfach auch wichtig eine Message zu vermitteln. Ich weiß, dass viele mit ähnlichen Themen zu kämpfen haben und sich vielleicht dadurch in einer Zwickmühle befinden. Genau diesen Menschen möchte ich zur Seite stehen. Ihnen vermitteln, dass es nicht schlimm ist anders zu sein. Es ist nicht schlimm auf Männer zu stehen, es ist nicht schlimm auf Frauen zu stehen, es ist nicht schlimm sich umoperieren zu lassen. Leider ist die Gesellschaft noch nicht so tolerant wie man denken könnte. Auf Social Media erreichen mich viele Nachrichten, von Menschen denen ich sehr gerne mit einem Rat helfe. Diese Nachrichten beantworte ich immer sehr gerne und setze mich auch telefonisch mit meinen Followern in Verbindung.

Frage: Was sind deine Pläne für die Zukunft?

Mirco Frerichs Ich möchte auf jeden Fall die Welt ein bisschen toleranter machen und meine Follower daran teilhaben lassen. Ich könnte mir aber niemals den Job als Influencer in Vollzeit vorstellen. Vor allem den Kontakt zu älteren Menschen, in meinem Beruf als Pfleger, möchte ich nicht missen. Es ist ein toller Job und ich könnte mir nichts vorstellen, was ich lieber machen würde. Nebenbei habe ich einige Projekte in Planung und bin - trotz negativer Erfahrungen - stolz darauf, meine Homosexualität öffentlich gemacht zu haben. Auch in Zukunft möchte ich meine Message vermitteln.

Wie genau?

Mirco Frerichs Ich arbeite derzeit unter anderem an einem Konzept für eine Coming Out Tour. Ich selber habe keine guten Erinnerungen an meine Schulzeit und bin der Meinung, dass Toleranz ein wichtiges Thema ist. Deswegen möchte ich im Rahmen meiner Coming Out Tour in der Zukunft vor allem an Schulen aktive Aufklärungsarbeit leisten.

Carmen Böhling
Carmen Böhling Emder Zeitung