Ostfriesland - Das in Berlin diskutierte Insektenschutzgesetz treibt auch ostfriesische Landwirte auf die Barrikaden: Damit würde der Niedersächsische Weg hinfällig, heißt es. Jan Schürings, Geschäftsführer des Nabu (Naturschutzbund) Ostfriesland, erklärt im Interview, warum das nicht stimmt.
Herr Schürings, was halten Sie von der Kritik der Landwirte am Insektenschutzpaket?
SchüringsUnsere Meinung beim Nabu ist, dass dieses Gesetz ein Schritt in die richtige Richtung ist. Das Insektensterben ist dramatisch und mittlerweile durch viele Studien belebt. Auch die Landwirtschaft braucht Insekten, um zu überleben.
Viele Landwirte sagen aber, dass es aktuell zu viele Maßnahmen auf ihre Kosten in zu kurzer Zeit gibt.
SchüringsEs stimmt zwar, dass momentan einige Maßnahmen für die Landwirtschaft innerhalb kurzer Zeit hintereinander kommen, aber die Ursachen sind eben auch schon lange vorhanden. Der Artenschwund – nicht nur bei Insekten – existiert ja nicht erst seit gestern, wir sehen seit über 30 Jahren negative Trends. Dazu hat sich die Landwirtschaft immer mehr intensiviert, weshalb da jetzt einiges zusammenkommt. Deutschland ist gegenüber der EU auch Verpflichtungen eingegangen, die wir oft nicht eingehalten haben. Wir können jetzt nicht noch 20 Jahre warten.
Wie bewerten Sie denn den Kompromiss des Niedersächsischen Wegs?
SchüringsDen sehen wir grundsätzlich als einen guten Kompromiss an. An manchen Punkten hätten wir uns natürlich etwas mehr gewünscht, aber da kann man eben keine Maximalforderungen umsetzen. Es sind immerhin Wege zur Reduktion des Einsatzes von Pflanzenschutzmitteln vorgesehen. Wir hören auch positive Stimmen aus der Landwirtschaft, die für eingehaltene Maßnahmen großzügig und kostendeckend kompensiert wird. Aber der Niedersächsische Weg ist eben auch ein Weg: Man hat mit einigen Maßnahmen angefangen, aber es gibt noch viele Bereiche, die künftig weiter geklärt werden müssen.
Fallen viele dieser Ausgleichszahlungen mit dem Insektenschutzgesetz nicht weg?
SchüringsEs muss eine gesetzliche Regelung für die Anwendung von Pflanzenschutzmitteln geben. Das Insektenschutzgesetz ist aber zuerst einmal nur ein Kabinettsbeschluss und geht noch durch den Bundestag. Da wird sicher noch eine Lösung gefunden, denn Niedersachsen ist ja nicht das einzige Bundesland mit einem kooperativen Modell für Umweltschutz und Landwirtschaft. Was wir nicht wollen ist, dass der Niedersächsische Weg gegen das Insektenschutzgesetz ausgespielt wird. Das primäre Ziel ist der Schutz der Arten und der Natur, nicht die Landwirtschaft. Aber das sollte trotzdem gut entschädigt werden für betroffene Landwirte.
Glauben Sie denn, dass das neue Gesetz wie vorgestellt auch umgesetzt wird?
SchüringsDer Bundesrat und die Länder müssen das jetzt noch besprechen, aber ich hoffe und denke, dass das Insektenschutzgesetz im Kern schon kommen wird.
Reicht das denn gegen das Insektensterben? Oder gibt es andere Maßnahmen, die Sie als dringend ansehen?
SchüringsDer Insektenschutz braucht in jedem Fall mehr Geld. Ganz wichtig ist der Aufbau eines landesweiten Insekten-Monitorings. Bisher gab es immer wieder einzelne Aktionen und Untersuchungen, aber wir brauchen dringend flächendeckende Daten. Das ist auch ein Vorwurf der Landwirtschaft, dass Studien bisher oft nur lokal arbeiten und es keine aussagekräftigen Daten gebe. Aber selbst so ein umfangreiches Monitoring kann nur ein Anfang sein, denn damit alleine werden wir das Insektensterben nicht aufhalten können.
