Ostfriesland - Bei langen Autofahrten bin ich nicht immer Klaus-Peter Wolf. Oft sitze ich als eine meiner literarischen Figuren hinter dem Steuer und sehe mit ihren Augen die Welt. Ich höre dabei ihre Musik und denke ihre Gedanken. Später nutze ich die Energie des Eingetauchtseins und schreibe aus der Perspektive ein paar Seiten.
Als Rupert fuhr ich aus Nordrhein-Westfalen über die 31 nach Norddeich. Rupert ist Hauptkommissar in Aurich. Seine Mutter kommt aus Dortmund und sein Vater ist Ostfriese. Der kulturelle Riss geht also mitten durch ihn durch. Er trägt das Herz auf der Zunge und eckt daher oft an. Die einen nennen ihn Macho. Die anderen Frauenheld.
Ich kann nicht einmal sagen, wer von uns beiden Hunger bekam, vielleicht wir beide.
Auf dem sogenannten Ostfriesenspieß tankt man am besten noch einmal in Ems-Vechte West, denn danach kommt lange nichts mehr. Das Tanken war kein Problem, aber dann wurde es schwierig. Rupert wollte eine Currywurst mit Pommes und doppelt Mayonnaise. Ich nicht. Mit einem Tablett stand ich in der Schlange und stritt mit Rupert.
Hinter uns drei junge Männer. Vor uns ein Rentner, der sich eine Gemüsesuppe bestellte. Die Suppe roch gut. Ich wollte auch gern eine, aber der Rupert in mir war noch recht stark und protestierte. Ich weiß nicht, ob ich es nur gedacht oder auch laut gerufen habe: „Halt endlich die Fresse!“ Jedenfalls hielten die Jugendlichen jetzt mehr Abstand.
Ich stand wohl eine Weile unschlüssig herum, denn die junge Verkäuferin sah mich mit diesem mitleidigen Blick an, der wortlos sagte: „Na, Opi, nun entscheide dich mal!“
Zerknirscht hörte ich Rupert sagen: „Okay, dann nehme ich auch so eine Scheiß-Gemüsesuppe…“ Die Servicekraft starrte mich an. Der Rentner fragte sich jetzt, was mit seiner Suppe nicht in Ordnung ist. Mir war das alles peinlich, aber was sollte ich machen? Ich konnte der guten Frau doch schlecht erzählen, dass ich ein Schriftsteller bin, der etwas anderes essen möchte als seine Figur. Ich hatte Angst, sie ruft dann einen Arzt.
Ich bekam meine Gemüsesuppe und versuchte alles mit einem fürstlichen Trinkgeld zu regeln. Jetzt strahlte die junge Frau mich an. In ihrem Blick diese Frage: „Na Opi möchtest du vielleicht noch für hundert Euro einen Schokoriegel?“
Ich aß meine Suppe. Der Rentner seine nicht, dabei schmeckte sie erstaunlich gut.
Ein Jugendlicher hatte das alles wohl missverstanden. Er zeigte mir den erhobenen Daumen und lachte: „Ich habe n Scheiß-Big Mac.“
Wenn Sie das mal irgendwo hören, das haben die nicht von mir. Das ist von Rupert.
