Ostfriesland - Vor ziemlich genau fünfzehn Jahren besuchte mich der Lyriker Hermann Manot vom Arbeitskreis ostfriesischer Autorinnen und Autoren.

Er fragte, ob ich nicht Lust hätte, mal ein Schreib-Seminar zu geben.

Für die Akademie von ARD und ZDF hatte ich häufig mit Drehbuchautoren und Regisseurinnen an ihrer Figurenentwicklung und ihren Dialogen gearbeitet.

Die ernsthafte Arbeit mit Talenten an ihren Stoffen ist anstrengend, ja gleicht manchmal einer Operation am offenen Herzen. Da kann man schnell auf Empfindlichkeiten stoßen und – ohne es zu beabsichtigen – einen Urheber verletzen.

Wir trafen uns in Aurich und tagten ein intensives Wochenende lang im Europahaus. Ich lernte ungewöhnlich begabte Menschen kennen. Wir lasen uns vor und diskutierten leidenschaftlich bis tief in die Nacht. Am anderen Morgen ging es beim Frühstück weiter.

Es ist für Künstler ein beglückendes, ja euphorisierendes Gefühl, wenn sie spüren, dass ihr Text nach einer Bearbeitung nicht einfach schöner klingt, sondern eine neue Dimension bekommt, die Geschichte hinter der Geschichte durchscheint. In besonders großen Momenten werden Geheimnisse entdeckt und Schätze gehoben, die sich vorher versteckt hatten.

Am letzten Tag waren wir uns einig: Das muss fortgesetzt werden. Die Autorin Christiane Franke war bereit, ein weiteres Treffen zu organisieren.

Seitdem findet das Auricher Autorenseminar, gern auch „Die Meisterklasse“ genannt, einmal im Jahr statt.

Schreiben ist ja doch eine recht einsame Tätigkeit. Da tut es gut, sich mal in einer Gruppe auszutauschen. Besonders wichtig ist es dabei, das geistige Eigentum zu achten und respektvoll miteinander umzugehen. Jeder Autor hat natürlich Angst, dass ihm eine gute Idee geklaut wird. Das ist in all den Jahren nie geschehen. Vielleicht, weil die Menschen, die sich in Aurich treffen, so etwas gar nicht nötig haben. Sie sind selbst voller Ideen. Längst sind es nicht nur ostfriesische Autoren. Stammgäste kommen aus der Schweiz und dem Ruhrgebiet. Der Krimiautor Manfred C. Schmidt aus Esens war von Anfang an mit seinem Humor eine tragende Säule.

Wir durften erleben, wie Maren Graf aus Paderborn ihre ersten zauberhaften Kinderbücher herausbrachte. Fünf Jahre lang arbeitete Andreas Edelhoff an seinem ersten Buch, wir konnten die Entwicklung bis zum Erscheinen begleiten und erleben, wie aus etwas Gutem etwas Großartiges wurde.

Voller Stolz stellte ich im ZDF-Fernsehgarten Christian Jaschinskis Roman „Wolfsspiel“ vor, an dessen Planung und Entstehung er uns teilhaben ließ. Die sogenannte Meisterklasse ist längst eine in der Szene bekannte, ja sagenumwobene Gruppe geworden, für die sich Verleger und Filmproduzenten interessieren. Von der Gemeinsamkeit der Einzelgänger geht eine Faszination aus.

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