Ostfriesland - Als überzeugter Bahnfahrer bin ich irgendwann aufs Auto umgestiegen. Es war ein schleichender Prozess. Wenn man in Ostfriesland wohnt, im Weltnaturerbe, dann sind die Metropolen weit entfernt. Frankfurt. München. Köln. Berlin. Leipzig. Zürich. Wien. Ostfriesland ist für Tourneekünstler nicht gerade die Mitte Deutschlands, sondern eben ganz oben im Norden. Trotzdem hatten meine Frau Bettina Göschl und ich uns klar für die Küste entschieden und wir waren bereit, dafür lange Fahrten auf uns zu nehmen.
Wir nutzten sie ja, um zu arbeiten und oft genossen wir sie sogar.
Wir führten gute Gespräche im Speisewagen, wo wir, bestens versorgt, Auftritte vorbereiteten, ja Bücher schrieben.
Wenn alles aus meinem Werk gestrichen würde, was ich in Speisewagen geschrieben habe, würde die Liste meiner Veröffentlichungen schmal.
Die Speisewagen gibt es schon lange nicht mehr. Inzwischen schmieren wir uns wieder Brote und nehmen Thermoskannen mit.
Zunehmend wurden wir nervös, weil in ausverkauften Hallen Fans auf uns warteten, während wir uns Entschuldigungen der Bahn anhörten, warum wir leider den Anschlusszug nicht kriegen oder warum er komplett ausfällt.
Dazu kamen Bahnstreiks, die, wenn sie einen während einer neunwöchigen Tournee erwischen, das Leben nicht gerade leichter machen.
Unsere Taxiquittungen sprengten jeden vernünftigen Rahmen.
Immer wieder erfreuten wir Taxifahrer mit lukrativen Fahrten, weil wir pünktlich auf der Bühne sein wollten.
Irgendwann war es dann einfacher, mit dem Auto zu fahren. Planbarer. Manchmal sogar billiger. Aber eben leider unbequem und wenn ich den Wagen lenke, kann ich keinen Roman schreiben.
Also habe ich es mal wieder versucht und sogar ein paar Tage lang das Schreiben in vollen Zügen genossen, aber dann kamen wieder Warnstreiks.
Ja, das Bahnpersonal verdient entschieden zu wenig. Aber die Streiks schaden leider weniger ihren Arbeitgebern, dafür umso mehr den Reisenden.
Auf der Strecke zwischen Leer und Emden – ab da bis Norden Schienenersatzverkehr - hörte ich Betroffenen in der Bahn zu.
Ich fand ihren Vorschlag interessant. „So richtet sich das gegen die Gäste. Der Streik müsste ganz anders laufen. Jeder Zug fährt pünktlich. Die Zugbegleiter sind ausgesprochen höflich und hilfsbereit, aber sie kontrollieren keine Fahrkarten. Während des Streiks ist Bahnfahren-Umsonst-Tag.“
Welch ein Vorschlag! Eine Solidaritätswelle würde durch das Land rollen. Der Bahnvorstand bekäme Probleme, nicht die Fahrgäste.
Ich hoffe so sehr, bald wieder im Speisewagen schreiben zu können, während mein Auto in Ostfriesland in der Garage rostet.
