Ostfriesland - Zwischen Huren und Frisösen wurde ich groß. Heute wurde man wohl eher sagen: Prostituierten und Friseurinnen. Ach ja, ich kannte auch noch Kindergärtnerinnen, die heute Erzieherinnen heißen und natürlich Hausfrauen, denn das waren die meisten Mütter meiner Freunde, und sie nannten sich mit Stolz so.
Es war nicht gerade ein intellektuelles Klima, in dem ich aufwuchs. Wenn ich Rat suchte, wendete ich mich oft an meinen ostfriesischen Onkel Warfsmann.
Er hatte so seine ganz eigenen Rituale, Lebensfragen zu entscheiden oder über Dinge nachzudenken.
Manchmal gossen wir Blei und versuchten, in den entstehenden Formen Hinweise auf Lösungen zu finden. Ich weiß, das macht man nicht mehr, es war bestimmt ungesund und wenig umweltfreundlich. Blei ist ein giftiges Schwermetall. Aber Onkel Warfsmann behauptete, Bleigießen sei eine ostfriesische Sitte, die er von seiner Mutter und die von ihrer gelernt hätte.
Angeblich hatten römische Soldaten den Brauch vor ein paar hundert Jahren nach Ostfriesland gebracht. Dort hätten sie aber „schwer eins auf die Mütze gekriegt“ und sich dann wieder in ihr Feldlager nach Hannover zurückgezogen.
Ich hatte Krach mit einem Freund und Schwierigkeiten in der Schule. Am liebsten hätte ich mich verkrochen. Onkel Warfsmann wollte mit mir das Orakel befragen, aber wir hatten weder Blei noch Zinn zur Verfügung. Er rührte stattdessen mit seiner Zigarette im Aschenbecher herum, drückte sie neben den anderen aus und bat mich, den Aschenbecher gut durchzuschütteln und auf dem Tisch auszuleeren.
Ja klar, wir legten vorher Papier darunter, aber Tante Mia flippte trotzdem aus. Alle waren sich mal wieder einig, dass mein ostfriesischer Onkel mir nur Mist beibrachte.
„Was siehst du da?“, fragte er mich.
„Eine Riesensauerei!“ schimpfte Tante Mia.
„Wer bist du in dem, Haufen, Klaus-Peter?“, wollte er wissen.
Ich zeigte auf eine Filterzigarette. Ich glaube, es war eine HB. Sie war unter dem Berg Pfeifenasche begraben. Ein zerquetschter Zigarrenstummel wurde zu meinem Klassenlehrer und eine aufgeplatzte Selbstgedrehte zu dem Freund, mit dem ich Krach hatte.
„Was muss passieren, damit es dir da besser geht?“, fragte Onkel Warfsmann.
Spontan rief ich: „Ich darf mich nicht mehr unter dem Berg da verstecken!“
Ich schüttelte die Asche von der ausgedrückten Filterzigarette ab. Es ging mir gleich besser.
Pädagogisch war das vielleicht alles fragwürdig. Aber mein Onkel Warfsmann wusste nicht, wie man Pädagogik schreibt. Er hat einfach zu mir gehalten und ich war ihm wichtiger als ein sauberer Küchentisch.
