Ostfriesland - Filme habe ich immer geliebt. Kinos hatten eine magische Anziehungskraft auf mich. Ich war acht und ein schlechter Schüler. Ich träumte viel, auch im Unterricht. Vor allen Dingen davon, Geschichten zu erzählen und Filme zu machen.

Ja, das wollte ich immer und dafür wurde ich viel verlacht.

Eine Filmkamera war unerschwinglich für einen Grundschüler. Ich hatte ja nicht einmal eine Schreibmaschine, stattdessen benutzte ich noch Buntstifte.

Während einer langweiligen Schulstunde zeichnete ich in die Ecken des dicken Mathebuchs kleine Bilder. Es wurde ein Boxkampf. Der mit der weißen Hose gegen den mit der schwarzen.

Ich hatte kapiert, dass Film zunächst mal nicht mehr war als bewegte Bilder. Auf jedem Blatt des schlauen Buches änderte ich die Zeichnung ein bisschen, sodass die Boxer zu tänzeln und zu kämpfen begannen. Mein erster Film funktionierte als Daumenkino. Die Bewegungen der Boxer waren ein bisschen hektisch, aber daran wollte ich bei meinem nächsten Projekt arbeiten.

Meine Klassenkameraden waren begeistert, aber von den Erwachsenen bekam ich mächtig Ärger. Sie nannten den ersten Versuch des jungen Filmemachers „Schmiererei“. Statt im Unterricht aufzupassen, hätte ich mein Mathematikbuch versaut. Ich bekam Stubenarrest und Strafarbeiten. Das volle Programm. Und ich hatte mich so sehr auf das verlängerte Wochenende gefreut!

Onkel Warfsmann rettete mich. Angeblich brauchte er meine Hilfe, um den Garten einer Witwe in Ostfriesland „auf Vordermann zu bringen“. Er war mit ihrem Mann zur See gefahren und seinem alten Kumpel „das einfach schuldig“. Er versprach, mich „hart ranzunehmen“, das sei Strafe genug.

Es gab diese Witwe nicht. Wir gingen ins Kino, sammelten Muscheln am Meer und er besorgte mir dicke alte Bücher, damit ich neue Filme produzieren konnte. Einen Vogelflug. Einen Walfang. Eine Sturmflut, die ein Haus wegfegte.

Ich suchte Geschichten mit viel Bewegung. Onkel Warfsmann nannte meine Daumenkino-Versuche „Stummfilme“.

Er hat noch erlebt, wie meine ersten Stücke im Fernsehen liefen. Er war wirklich stolz.

Sonntags abends trafen wir uns zum „Tatort gucken“. Er mochte Kriminalfilme und wir haben oft darüber diskutiert, warum etwas langweilig war. Sein Traum war es, dass ich spannende Geschichten schreiben sollte, die nicht in Duisburg oder Köln spielen.

Sie sollten die Schönheit Ostfrieslands zeigen. „Das“, so orakelte er, „würden die Menschen lieben“.

Zum neunten Mal wurde gerade die Verfilmung einer meiner Ostfriesenkrimis zum Quotenhit am Samstagabend.

Schade, dass er es nicht mehr erleben durfte. Aber er hat einen Anteil daran.

Klaus-Peter Wolf

und Verfasser der berühmten Ostfrieslandkrimis, lebt seit über zwanzig Jahren in Ostfriesland und schreibt jede Woche für unsere Zeitung über das Leben und Schreiben vor Ort.

Klaus-Peter Wolf

und Verfasser der berühmten Ostfrieslandkrimis, lebt seit über zwanzig Jahren in Ostfriesland und schreibt jede Woche für unsere Zeitung über das Leben und Schreiben vor Ort.