Ostfriesland - Mein ostfriesischer Onkel Warfsmann hatte keine Zeitung abonniert. Er schickte mich manchmal samstags zum Kiosk eine kaufen. Meist durfte ich mir dann Bonbons mitbringen und ihm Tabak.

Ich las ihm dann die Artikel vor, er rauchte und kommentierte sie. So begannen schöne, verregnete Samstage.

Einmal kam ich zurück und hatte aus Versehen zwei Zeitungen mitgebracht. Sie waren dünn und klebten praktisch aneinander. Ich hatte aber nur eine bezahlt.

Es war ein stürmischer Samstag mit Platzregen. Ich hatte mir die Zeitungen über den Kopf gehalten, um mich zu schützen.

Onkel Warfsmann schickte mich mit der trocken gebliebenen Zeitung zum Kiosk zurück. „Die kann man noch verkaufen“, sagte er und fügte hinzu: „Wir sind ja keine Diebe.“

Die Kioskbesitzerin bedankte sich bei mir mit einem großen Salino. Dieses Lakritz war damals unter Kindern sehr begehrt. Klatschnass und stolz kehrte ich zu Onkel Warfsmann zurück, um ihm aus der Zeitung vorzulesen.

An diese kurze, für mich recht prägende, Szene denke ich in letzter Zeit oft zurück. Diese ganz selbstverständliche Moral, sich nichts anzueignen, was einem nicht gehört. Der Wunsch, möglichste keinen Schaden anzurichten, geht als Wert in der Gesellschaft immer mehr verloren. So empfinde ich es zumindest.

Für meinen neuen Roman „Der Weihnachtsmannkiller“ hatten wir keine der üblichen Werbemaßnahmen geplant. Keine Großplakate, keine Fernsehspots. Stattdessen gab mein Verlag einen Adventskalender bei der Norder Schokoladen-Manufaktur ten Cate in Auftrag. 500 wurden hergestellt. Man konnte sie nicht kaufen, sondern nur gewinnen. Auf dem Kalender der Autor als Weihnachtsmann. Ein Spaß für Fans – mehr nicht.

Das Gewinnspiel lief, wie heutzutage üblich, online. Niemand musste etwas bezahlen. Stattdessen sollte eine kleine Geschichte erzählt werden.

Aber gleich legte sich ein Schatten über den Spaß. Teilnehmer am Gewinnspiel erhielten Benachrichtigungen – angeblich von mir – sie hätten gewonnen. Dahinter verbarg sich der Versuch, sie abzuzocken oder zu Abos zu verführen.

Am selben Tag tauchte bei Amazon ein Produkt auf, mit meinem Gesicht auf dem Cover. Ein Kalender, der für ein paar Euro erworben werden soll. Ich habe damit aber gar nichts zu tun und wurde auch nicht gefragt.

Wir wollten Fans – in der Adventszeit - eine Freude machen. Am Ende mussten wir Anwälte beschäftigen, um Ganoven daran zu hindern, unsere Aktion für ihre Zwecke zu missbrauchen.

Nein, bestraft wurden sie nicht. Nur gestoppt. Vermutlich hatten sie keinen Onkel, der ihnen den Unterschied zwischen Recht und Unrecht beibringen konnte.

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