Ostfriesland - Wenn mein ostfriesischer Onkel Warfsmann und seine Frau Mia Gäste erwarteten, waren die Vorbereitungen ganz einfach. Nachmittags gab es Tee und einen selbstgebackenen Kuchen. Abends einen Kasten Bier, genug zu Rauchen und „Schnittchen“. Also Brote, belegt mit Käse oder Wurst. Wenn der Hunger sehr groß wurde, kam regelmäßig der Satz: „Ich hau uns mal n paar Bratkartoffeln in die Pfanne.“ Manchmal gab es Spiegelei dazu oder eine Bratwurst, in viele kleine Stücke geschnitten.
Am anderen Morgen galten Bratheringe als Katerfrühstück.
Wie einfach es doch damals war, Gäste glücklich zu machen und Partys zu feiern! Heute ist das alles viel komplizierter geworden.
Ich koche eigentlich gern. Aber wenn Besuch kommt, reserviere ich lieber einen Tisch im Restaurant. So locker wie Onkel Warfsmann und Tante Mia die Dinge gehandhabt haben, sind sie nicht mehr.
Heute muss man genau über seine Gäste Bescheid wissen.
Wer ist Vegetarier? Wer Veganer? Wer braucht das Essen glutenfrei? Wer hat eine Laktoseintoleranz? Eine Haselnuss-, Erdbeer- oder Thunfischallergie? Dass man alkoholfreie Getränke braucht, ist sowieso klar.
Onkel Warfsmann stellte eine heiße Pfanne mitten auf den Tisch und sagte: „Haut rein. Ist genug für alle da, Freunde.“
Niemand fragte, ob die Kartoffeln aus Bioanbau stammten oder nicht. Kein Mensch interessierte sich für die Herkunft der Zwiebeln. Vermutlich waren sie eh aus dem eigenen Garten.
Manchmal frage ich mich, waren die Menschen damals dümmer oder einfach sorgloser, ja glücklicher als wir?
Die Gesellschaft spaltet sich immer mehr in Grüppchen auf, die oft nur noch wenig Verständnis füreinander haben. Gern erheben sich die einen auch moralisch über die anderen. Die Veganer über die Fleischfresser und die Klimaschützer über die Autofahrer und umgekehrt. Von Rauchern und Nichtrauchern will ich jetzt erst gar nicht anfangen.
Neulich bekam ich in einer Diskussion in Norden am Markt mit, wie vehement zwischen Touristen und Norder Bürgern unterschieden wurde. Wobei „die Touristen“ wieder in Gruppen aufgeteilt wurden. Die Stammgäste und die Tagestouristen. Aber auch wenn man in Norden seinen festen Wohnsitz hat und seine Steuern dort bezahlt, zählt man noch lange nicht dazu. Einige erheben sich spöttisch über Zugereiste und Neubürger.
Manchmal sehe ich diese Zersplitterung in der Gesellschaft mit Sorge. Wer nur das Trennende sucht, verliert aus dem Auge, was uns verbindet.
Onkel Warfsmann lud die neuen Nachbarn einfach ein. Es war eine Gastarbeiterfamilie aus Italien.
Er lachte: „Haut rein. Ist genug für alle da, Freunde.“
