Ostfriesland - Beim Schreiben meiner Ostfriesenkrimis hilft es mir sehr, dass ich mal Jura studiert habe. Besonders das Strafrecht hat mich damals interessiert. Mein Geld fürs Studium verdiente ich als Gerichtsreporter verschiedener Zeitungen. So konnte ich immer Theorie und Praxis vergleichen. In den Seminaren stellte ich viele Fragen, die sich mir als Prozessbeobachter gestellt hatten. So wurde ich rasch zum Lieblingsstudenten meines Professors. Irgendwann fragte er mich, warum ich nie „Scheine machen“ würde. Ich gestand ihm, dass ich nicht vorhatte, Jurist zu werden, sondern nur gute Kriminalromane schreiben wollte. Er hatte dafür leider gar kein Verständnis und ich sank in seiner Gunst dramatisch. Ja er warf mir vor, ich würde „richtigen Studenten“ den Platz wegnehmen. Ein Studium aus Neugier, aus Interesse an einer Sache, war ihm fremd.

Ganz anders war da mein ostfriesischer Onkel Warfsmann. Er wusste, dass ich weder vorhatte Seemann zu werden noch Bergmann unter Tage, trotzdem freute er sich über mein Interesse und erzählte mir von seiner Arbeit alles, was ich wissen wollte.

Ich glaube, es machte ihn sogar stolz, dass ich so viele Fragen hatte.

Als ich mein Germanistikstudium abbrechen wollte, weil ich Angst hatte, sonst die Lust am Schreiben zu verlieren, bat er mich, von der Uni zu erzählen. Ich kam auf die Idee, ihn mitzunehmen zu einer Vorlesung. Zunächst war er begeistert von dem Gedanken. Seine Frau, meine Tante Mia, erklärte uns beide für verrückt. Im letzten Moment scheute er dann leider zurück. Ich glaube, er bekam Angst vor der Erfahrung.

Er hatte einige Stürme auf See überlebt und baute in 800 Meter Tiefe Kohle ab, aber fürchtete sich vor der Universität.

Stattdessen lud er mich und ein paar meiner Studienfreunde zum Skat ein. In einer Emder Kneipe nahm er uns gnadenlos aus. Dabei nahm er die Pfeife nicht aus dem Mund und nebelte uns alle ein.

Wir rauchten auch, weil damals nur Raucher Erwachsene waren.

Er bluffte und ich glaube, er schummelte auch. Besoffen machte er uns auf jeden Fall. Zweimal nahm er einen Stich mit den Worten mit: „Hat man euch das echt an der Uni nicht beigebracht?“

Später saßen wir im Hafen auf einer Bank und schnappten frische Luft. Er gab uns unser Geld zurück und lachte: „Man spielt nicht um Geld, wenn man Schnaps trinkt.“

Es klingt vielleicht merkwürdig, aber ich glaube, ich habe von Onkel Warfsmann, der von sich behauptete, nur fünf Jahre lang die Volksschule besucht zu haben, mehr gelernt als von meinen Professoren.

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