Ostfriesland - Ein Auftritt im Hospiz ist für Bettina Göschl und mich immer etwas ganz Besonderes.
Wir nennen es gar nicht Auftritt sondern Besuch. Man weiß nie, was passiert.
Nicht alle Gäste kommen aus ihren Zimmern. Tagelang haben sie sich darauf gefreut, mit Bettina zu singen, doch ihr gesundheitlicher Zustand ist nicht stabil. Es gibt gute und weniger gute Tage.
Die Künstler, die im Hospiz auftreten, müssen sich darauf einstellen. Es geht nicht um sie, nicht um Selbstdarstellung und schon mal gar nicht darum, ein Programm abzuspulen oder Geld zu verdienen.
Es geht um die Gäste und ihre Bedürfnisse.
Wir sprechen nicht von Patienten, sondern von Gästen. Sie ziehen ein und sie ziehen aus.
Seit unser Hospiz am Meer endlich steht, hatten wir schon 94 Gäste. Ich erinnere mich noch sehr gut an die nervtötenden Gespräche mit Politikern, denen wir den Bedarf nachweisen sollten. Für mich war das immer nur Hinhaltetaktik. Ich glaube, man braucht nicht einmal einen Schulabschluss, um zu erkennen, wie nötig würdige Orte sind, in denen Menschen auf ihre letzte Reise gehen können.
Krankenhäuser sind dafür nicht geeignet. Sie haben völlig andere Aufgaben.
Den letzten Hospizbesuch haben Bettina und ich in Hage gemacht. Wirklich gut funktioniert Hospizarbeit nur mit Ehrenamtlichen.
Es gibt sie zum Glück. Geduldige Menschen mit einem inneren Strahlen.
Die Ehrenamtlichen hatten im Hospiz am Meer schon Tee und Kaffee vorbereitet. Es gab Kuchen und das Feuer im offenen Kamin schaffte eine warme Atmosphäre. Draußen tobte ein Sturm und Regen klatschte gegen die Scheiben. Es roch gut. Ein bisschen nach Rosen. Nach Vanille und Tee.
Ein Gast zog gerade aus, während wir da waren.
Ehrenamtliche, Angehörige und Gäste saßen mit uns zusammen und Bettina sang eins ihrer Lieder. Ihre Songs erzählen immer Geschichten und hier lauschten alle gespannt.
Ich konnte die Gesichter beobachten. Wenn in den Augen von Menschen, die wissen, dass sie sich bald aus dem Leben verabschieden werden, etwas schelmenhaft Kindliches aufblitzt, dann ist das ein magischer Moment. Während Bettina sang, habe ich es gesehen. Die Wirkung von Kunst und von Zugewandtheit.
Allein dafür hat es sich gelohnt.
Man darf sich die Stimmung im Hospiz nicht gedrückt vorstellen.
Ich habe eine lustige Geschichte vorgelesen. Wir lachten herzhaft gemeinsam und führten gute Gespräche.
Natürlich besuchten wir die Gäste, die es gern wollten, in ihren Zimmern. Klar haben wir mit den Ehrenamtlichen Erinnerungsfotos gemacht. Sie und die Mitarbeiterinnen sind Helden. Solche Menschen stimmen mich zuversichtlich für diese Welt.
Bettina und ich verließen das Hospiz glücklicher als wir gekommen waren.
