Ostfriesland - Als ich klein war, glaubte ich, Russen hätten Hörner. Niemand hatte das gesagt, aber es war die Atmosphäre des Kalten Krieges, in der ich aufwuchs. Die Russen waren die Bösen.
Mein ostfriesischer Onkel Warfsmann erschrak, als ihm klar wurde, wie die politischen Gespräche der Erwachsenen und die Nachrichten auf mich gewirkt haben mussten.
Er erklärte mir, dass nicht Völker böse sein, sondern manchmal nur deren „Anführer“, Könige oder Präsidenten.
Deshalb war er auch dafür, dass im Kriegsfall die „Mächtigen“ persönlich gegeneinander antreten sollten und nicht ihre Armeen.
Er, der den Boxsport liebte, wollte einen fairen Kampf zwischen zwei Volksvertretern.
Bei den Ostfriesen, so behauptete er, sei das so üblich gewesen. Die Häuptlinge hätten es gegeneinander ausgetragen. Für meine Tante Mia war das Seemannsgarn. Mir gefiel der Gedanke.
Olympische Spiele waren für meinen Onkel Ersatzkriege und deshalb sehr wichtig für die ganze Welt. Wer das Mittel des heißen Krieges wählte, war für ihn ohnehin ein Irrer und brauchte dringend psychologische Betreuung, vielleicht auch Medikamente, aber keineswegs Macht.
Meine Mutter bemühte sich, aufgeweckt durch ein Bild, auf dem ich Russen mit Hörnern gemalt hatte, mir etwas anderes zu vermitteln. Sie erzählte mir von Ihrem „Pflichtjahr auf dem Bauernhof“ und von russischen und polnischen Kriegsgefangenen, mit denen sie morgens aufs Feld gegangen sei. Sie berichtete von feinen Menschen, die sie sehr gemocht hatte und denen großes Unrecht geschehen sei.
Mein Onkel Warfsmann führte mich auf der Insel Langeoog nicht nur zum Grab von Lale Andersen, die er zeitlebens verehrt hatte, sondern er zeigte mir auch den Russenfriedhof, wo 113 sowjetische Kriegsgefangene durch unmenschliche Behandlung zu Tode kamen. Er nannte es eine Schande, was man diesen Menschen angetan hat. Mit den französischen Kriegsgefangenen sei man besser umgegangen, sagte er, denn das seien für die Langeooger keine „Untermenschen“ gewesen.
Später mache meine Mutter mich mit russischer Literatur vertraut. Sie hatte die Lesering Ausgaben von Dostojewski und Tolstoi. Dicke Bücher mit dünnem Papier. Ich las sie alle und natürlich auch Boris Pasternak, Jewtuschenko und Aitmatow, der Kirgise war, aber in Russisch schrieb. Später hatte ich das Glück, Jewtuschenko und Aitmatow noch kennenzulernen. Es waren beeindruckende Persönlichkeiten und Autoren. Als ich ihnen erzählte, was ich als Kind über Russen dachte, haben sie mich spontan umarmt.
Viele meiner Bücher sind ins Russische übersetzt worden.
Die schlimmen Ereignisse der letzten Tage lassen mich an Onkel Warfsmann denken. Ja, es wäre besser, die Mächtigen würden gegeneinander im Boxring antreten. In Kiew hätte man für einen siegreichen Ausgang schon mal den richtigen Bürgermeister.
Vitali Klitschko.
