Ostfriesland - Alles kam mir falsch vor. Zusammenhanglos. Ich ging in Gelsenkirchen zum Gymnasium. Ich war neugierig und hatte so viele Fragen, mich interessierten die Zusammenhänge in der Welt. Aber alles schien mir zersplittert. Biologie. Musik. Physik. Religion. Geschichte. Mathematik. Erdkunde. Philosophie. Deutsch. Die Welt wurde in Fächer aufgeteilt. Manches schien sich zu widersprechen.

Längst nicht alles, was wir in Physik und Biologie lernten, ließ sich mit dem Religionsunterricht in Übereinklang bringen. Die Fächer wurden auch noch gegeneinander gewertet. Unsere Philosophielehrerin behauptete, die Philosophie sei die Königin der Wissenschaft. Für unseren Mathelehrer war sie ein verzichtbares „Laberfach“.

Es gab Haupt und Nebenfächer. Was sollte ich von einer Schule halten, die Kunst und Musik zum Nebenfächern erklärte?

Zwei großartige Meisterschüler von Joseph Beuys, Franz Joseph van der Grinten und Johannes Stüttgen, unterrichteten nacheinander an unserem Gymnasium ein Nebenfach: Kunst.

Nichts war aufregender für mich. In ihnen fand ich Gesprächspartner, die meine Fragen erst nahmen. Für fast alle Erwachsenen, die ich kannte, waren diese Leute Spinner, zu faul zum Arbeiten, und weil sie sonst nichts konnten, unterrichteten sie eben Kunst. Es ging das Gerücht, sie könnten nicht mal richtig malen.

Aus einem kaputten Stuhl, ein paar Kreidestücken und einem engmaschigen Drahtgeflecht baute ich ein Kunstwerk und nannte es: „Kind in der Gesellschaft“.

Van der Grinten war begeistert. Er gab mir eine Eins.

Zehn Minuten nach der Kunststunde wurde „der Müll entsorgt“.

Mein ostfriesischer Onkel Warfsmann sah das gelassen. „Naja, es ist jetzt halt weg. Dafür hast du eine gute Note. Das geht doch allen so. Der Künstler malt ein Bild und verkauft es. Dann ist es weg. Es hat ja ein anderer in seiner Wohnung hängen. Dafür kann der Maler sich ein halbes Hähnchen kaufen.“ Den Vergleich mit dem halben Hähnchen habe ich nie vergessen.

1973 war ich mit Onkel Warfsmann in Norddeich und Dornum. Er wollte mir seine Heimat zeigen. Im Radio hörten wir, die Badewanne von Joseph Beuys – mit Heftpflaster, Kupferdraht, Mullbinden und Fett – sei von Putzfrauen gereinigt worden, weil darin bei einer Feier Gläser gespült werden sollten. An der Wanne stand ein Schild: „Hier wurde der Säugling Joseph Beuys gebadet.“

Irgendjemand schrieb dazu „offensichtlich zu heiß“.

Onkel Warfsmann machte uns Tee und lachte: „Warum soll es ihm besser gehen als Dir! Für die einen ist es Müll für die anderen Kunst. So bleibt es spannend.“

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