Krummhörn - Er ist für vieles zuständig. Aber längst nicht jeder Krummhörner weiß das: Kuno Erdtmann ist Schiedsmann der Gemeinde Krummhörn und in vielen Fällen erste Anlaufstelle, wenn bei einem Streit eine juristische Dimension droht. Das kann ziemlich schnell der Fall sein, weil die Bandbreite von Streitigkeiten bei Baumwurzeln startet, über Kinderlärm läuft und bei Mobbing von Jugendlichen noch nicht endet. Weitere Aspekte gehen ins Zivilrecht, etwa wenn private Schulden bis 750 Euro offen sind, oder ins Strafrecht, weil etwa Beleidigungen oder leichte Körperverletzungen geschehen sind.
Die Vielfältigkeit der Aufgabe ist ein wichtiger Aspekt der Arbeit, die Erdtmann seit Mai 2020 macht. In diesem Monat wurde der 64-jährige Pewsumer Erster Schiedsmann der Gemeinde Krummhörn. Zuvor war er zehn Jahre Stellvertreter, ohne aber tatsächlich aktiv ins Geschehen einzugreifen. Seit Mai ist das anders. Zehn Fälle hat Erdtmann inzwischen verhandelt, in noch einigen mehr sei nach Gesprächen keine Verhandlung notwendig geworden, weil sich die Konfliktparteien einigen konnten. Aber zehnmal ging es dann doch in den Sitzungssaal im Rathaus – und es kam zur Verhandlung.
Besonders häufig seien es Grundstücksunstimmigkeiten, die zu nachbarschaftlichen Konflikten führten, erzählt Erdtmann. Die resultierten aus einer fehlerhaften Grundannahme. „Viele Menschen denken, sie können auf ihrem Grundstück machen, was sie wollen“, erzählt Erdtmann. Diese These sei häufige Wurzel des nachbarschaftlichen Übels. Und Wurzeln sind etwa ein ganz praktisches Problem, nämlich dann, wenn es sich um Baumwurzeln handelt, die in ausgedehnter Form existieren und das Nachbargrundstück erreichen oder weil herbstliches Laub nicht nur auf dem eigenen Grundstück landet.
Andere Fälle betreffen die Konfliktlinie zwischen Gartenpflege und Ruhezeiten. Denn hier greift das Bundesimmissionsgesetz. Das ist nicht nur sehr lang, sondern auch sehr diffizil – und unterscheidet etwa beim Antrieb von Gartenhelfern. So könne der Nachbar etwa erwarten, dass ein leistungsstarker und lauter Kantenscheider mit Benzinantrieb in der Mittagsruhe nicht verwendet wird. Beim leiseren Akkumodell sei das wieder anders. „Und dann reden wir nur über die Regeln für reine Wohngebiete“, sagt Erdtmann.
Während solche Fällen mit einem Grundmaß an gegenseitigem Verständnis auch ohne Verhandlung lösbar sein könnten, sehe es in anderen Fällen schwerer aus. Etwa beim Betrachten des benachbarten Grundstücks. Denn es gebe sogar Fälle, in denen Menschen nicht mehr wollten, dass erwachsene oder kindliche Nachbarn auf das benachbarte Grundstück schauten. „Da müssen wir dann gucken, was ’schauen’ überhaupt heißt“, erzählt Erdtmann. Denn es könne ja sein, dass jemand aus dem Obergeschoss seines Hauses mit dem Fernglas das nachbarschaftliche Grundstück absucht. „Das muss man sich dann nicht gefallen lassen.“ In anderen Fällen seien es Kinder oder Jugendliche, die von Nachbarn zur Zielscheibe wurden und sich über den Schiedsmann wehren können. Auch wenn der Schiedsmann nicht einem Richter gleich einen Urteilsspruch verhängt, sorge die offizielle Verhandlung für einen anderen Gesprächscharakter als ein Zoff an der Haustür. Und hat mitunter gravierendere Folgen, denn durch das Ergebnis der Schiedsverhandlung kann das Thema auch zu höheren Stellen gelangen, etwa dem Amtsgericht.
Zwischen sieben und acht Stunden Dauer kann der ehrenamtliche Schiedsmann pro Fall rechnen. Die Zeit geht für Vorbereitungen wie Ladungen und Co., für die Verhandlung sowie für die Nachbereitung, etwa das Schreiben des Protokolls, drauf. Dazu kommen Schulungen. Und wenn der Schiedsmann gar nicht ernst genommen wird, und ein Beklagter zur Verhandlung nicht erscheint? Dann verhängt Erdtmann ein Ordnungsgeld – denn auch das darf der Schiedsmann.
