Krummhörn - Mehrere Hundert Seiten ist es stark, voller Grafiken, Tabellen und schwer verständlichem Verwaltungsdeutsch: das Regionale Raumordnungsprogramm des Landkreises Aurich, kurz RROP, ein Plan, wie der Landkreis seine Gebiete aufteilen möchte. Nicht nur Name und Sprache sind schwer, vor allem der Inhalt hat es für die Gemeinde Krummhörn in sich. Der Plan schafft nämlich hohe Hürden für die Ausweisung neuer Baugebiete in 17 der insgesamt 19 Dörfer. Geht es nach dem Landkreis, dann fokussiert sich die Wohnbebauung in neuen Siedlungen zukünftig nur noch auf die beiden größten Orte, Pewsum und Greetsiel.
Was schränkt das Programm konkret ein?
Die Ausweisung neuer Baugebiete in allen Ortschaften außer Pewsum und Greetsiel. Für alle anderen 17 Orte gibt es einen Schlüssel. Pro Tausend Einwohner eines Ortes darf die Gemeinde Krummhörn vier neue Bauplätze ausweisen. Ein Ort wie Woquard mit zarten 177 Einwohnern muss also mehr als vier Jahre warten, bis vier neue Bauplätze entstehen können. Ein mittleres Baugebiet mit 16 Bauplätzen würde also mehr als 16 Jahre Wartezeit voraussetzen.
Gibt es Regeln für Ausnahmen?
Ja, sagt Krummhörns Bürgermeister Frank Baumann (SPD). Wenn die Gemeinde einen besonderen Bedarf eines Ortes nachweisen kann. Richtig konkret ist das aber nicht definiert. „Es wird also richtig schwierig, das nachzuweisen“, sagt Baumann.
Aber es sind doch weitere Baugebiete entstanden?
Ja. Von den aktuell rund 290 geplanten und vorhandenen Bauplätzen sind viele aber vor dem RROP gekommen, andere fallen unter Ausnahmeregelungen und im Falle von Pewsum und Greetsiel mit gesamt etwa 95 Bauplätzen erfüllen sie die Kriterien des Raumordnungsprogramms. Schwierig wird es für alle Baugebiete, die nicht in die Liste der bereits genehmigten fallen.
Warum gibt es diese Regeln?
„Flächensparende Siedlungsentwicklung“, heißen die Zauberwörter im Beamtenjargon. Im Klartext: Der Landkreis Aurich will natürliche Flächen sparen und nicht überall Häuser sehen. Gleichzeitig muss Infrastruktur wie Straßen, Kitas, Bushaltestellen und Co. auch für neue Siedlungen geschaffen werden. Außerdem solle die Bedeutung der „zentralen Orte“ wie Pewsum und Greetsiel gestärkt werden, sagt Kreissprecher Rainer Müller-Gummels.
Wer denkt sich solche Regeln aus?
Die Wurzeln dieses Plans liegen nicht in Aurich, sondern in Hannover. Es gibt nämlich nicht nur das Regionale Raumordnungsprogramm, sondern auch das übergeordnete Landes-Raumordnungsprogramm (LROP). Auch dort ist das Ziel, „die Leistungsfähigkeit der zentralen Orte zu sichern und zu entwickeln“. Aurichs Kreistag und Krummhörns Gemeinderat legitimierten die Entscheidung allerdings.
Betrifft das Thema andere Gemeinden genauso?
Wie man’s nimmt. Grundsätzlich gilt das RROP nicht nur in der Krummhörn. Die hat allerdings durch ihre 18 Warfendörfer ein besonderes Problem. 18 der 19 Ortschaften sind sogenannte Baudenkmäler. Die Warf als künstliche Erhöhung diente einst den Menschen als Schutz vor Sturmfluten. Dieses Zeugnis der Geschichte soll erhalten bleiben, führt aber dazu, dass die Gemeinde ihre Bauplätze möglichst im bestehenden Ortskern schaffen soll. Da greifen dann allerdings Denkmalschutzauflagen wie Ensembleschutz und Co. Gulfhöfe und Landarbeiterhäuser in den Orten abreißen, um so Platz zu schaffen, ist nicht erlaubt.
Gibt es Widerstände gegen diese Regeln?
Ja. Bereits während der Sitzung des Krummhörner Gemeinderates 2018 regte sich Widerstand. Weil das RROP zusätzlich auch die Ansiedlung von Geschäften außerhalb von Pewsum und Greetsiel erschwert, übte etwa Ratsherr Enno Cornelius (KLG) scharfe Kritik. „Wir leben doch nicht im Kommunismus“, stellte er fest. Auch jetzt gebe es immer noch einen stetigen Austausch zwischen dem Landkreis und der Gemeinde, sagt Bürgermeister Baumann. An eine zügige Novellierung glaubt der Verwaltungschef aber nicht. „Das RROP ist 2019 in Kraft getreten, fünf Jahre wird das sicherlich unverändert laufen.“
