Emden - Mit solch einem abenteuerlichen Fall hat das Arbeitsgericht nicht alle Tage zu tun: Die Busfahrerin Ramona Weide aus Grimersum wehrt sich dort seit Donnerstag gegen ihre Kündigung beim Emder Unternehmen Reiter’s Busverkehr. Ihr Vorwurf: Ein Disponent habe sie im Bus abgehört.
Oktober 2019: Im Vorfeld einer Betriebsratswahl bei der Firma Reiter’s erhebt die Gewerkschaft Verdi Vorwürfe gegen das Unternehmen. Kritisiert werden die Arbeitsbedingungen. Lange Schichtzeiten, kaum planbare Freizeit, kurze Ruhezeiten und fehlende Möglichkeiten, auf die Toilette zu gehen, würden für Unzufriedenheit in der Belegschaft sorgen. Ferner vermutet Verdi, dass Reiter’s zwei Busfahrern, die sich für die Gründung eines Betriebsrates engagiert hatten, kündigte, um Druck auszuüben und die Gründung des Betriebsrates zu stören.
Reiter’s Busverkehr weist die Vorwürfe zurück. „Für uns ist es absolut in Ordnung, wenn die Belegschaft ihre Interessen durch einen Betriebsrat vertreten lassen will“, sagt Reiter’s-Geschäftsführerin Marion Gravemann gegenüber der EZ. Die Kündigungen stünden im Zusammenhang mit schweren Verfehlungen, auf die man habe reagieren müssen. Die Arbeitsbedingungen seien völlig in Ordnung.
Einige Tage später erneuert Verdi die Kritik und verteilt entsprechende Flyer in den Bussen von Reiter’s. Das Unternehmen untersagt das Austeilen der Zettel und bestreitet die Vorwürfe erneut.
Unterdessen scheitert ein Gütetermin vor dem Arbeitsgericht. Die zwei Busfahrer hatten gegen ihre Kündigungen geklagt. Der Anwalt der Arbeitgeberseite sieht keinen Spielraum für eine Einigung. Reiter’s Busverkehr wirft dem damals 42-jährigen Busfahrer vor, andere Mitarbeiter dazu angestiftet zu haben, sich krankzumelden. Eine Whatsapp-Nachricht dient als Beleg. Dem anderen Busfahrer - damals 52 - hatte Reiter’s gekündigt, weil er sich nicht an Sicherheitsbestimmungen (mit offener Tür gefahren) gehalten und sich verkehrswidrig verhalten haben soll.
November 2019: Die Mitarbeiter der Firma Reiter’s Busverkehr gründen einen Betriebsrat . Er besteht aus einem Vorsitzenden, einem Stellvertreter und einem Schriftführer. Verdi-Gewerkschaftssekretär Reiner Schael kündigt dennoch an, die Situation bei Reiter’s weiterhin im Auge behalten zu wollen.
Januar 2020: Beim Kammertermin über die Kündigung eines der ehemaligen Busfahrer kommt es zu einer Einigung. Das Arbeitsverhältnis zwischen dem jetzt 53-Jährigen und dem Unternehmen wird rückwirkend aufgehoben. Mit dem anderen ehemaligen Angestellten einigte sich Reiter’s außergerichtlich. Trotz der Einigung wird deutlich, dass die Streitparteien bei der Interpretation der Ereignisse vor Gericht weit auseinander liegen. Der 53-Jährige bestreitet Verfehlungen und verweist auf technische Defekte an seinem Bus. Das wiederum weist Reiter’s strikt zurück.
Einige Tage nachdem sie ihn zur Rede gestellt hätte, sei ihr gekündigt worden. Reiter’s-Anwalt Fabian à Tellinghusen bestritt den Vorwurf. Der 48-Jährigen sei innerhalb der Probezeit gekündigt worden, weil sie sich zwei Verfehlungen geleistet habe. Zum einen soll sie mehrere vorgesehene Haltestellen nicht angefahren haben, zum anderen habe sie einen Fahrgast im vorderen Teil des Busses mitgenommen, was aufgrund der Corona-Auflagen verboten ist. Die Busfahrerin räumte die Fehler ein. Sie arbeitete zwischen Dezember 2019 und April 2020 für die Firma Reiter’s.
Es soll zwei Abhör-Versuche gegeben haben
In dieser Zeit habe es zwei Vorfälle gegeben, die bei ihr den Verdacht aufkommen ließen, abgehört zu werden, erklärte Weide. Zum einen habe sie während eines Fahrerwechsels im Bus gegenüber einem Kollegen einen Witz über die Hose des Disponenten gemacht. Der habe sie kurz darauf in sein Büro zitiert und sie auf den Witz angesprochen. Der Kollege habe dem Disponenten nicht davon erzählt, ist Weide überzeugt. Auf ihre Frage an den Disponenten, ob er Gespräche im Bus mithöre, habe der gelacht und dies bestritten.
Doch ein zweiter Vorfall, bei dem Weide nach eigenen Angaben während einer Pause Telefonklingeln und Stimmen hörte, ihr Bus aber leer war, nährte ihren Verdacht. Die Geräusche seien aus dem Drucker gekommen, in dem ein Mikrofon ist, glaubt Weide. Was bizarr klingt, erklärte sie damit, dass das Mikrofon an ein Notrufsystem gekoppelt sei, mit dessen Hilfe die Zentrale „in den Bus hören“ könne. Manche Busfahrer würden deshalb das Mikrofon abkleben. Reiter’s-Anwalt à Tellinghusen wies die Behauptungen und Darstellungen der gekündigten Busfahrerin zurück. Zudem zog er in Zweifel, ob es sich tatsächlich um ein Mikrofon im Drucker handele. Ob es die Anlage wirklich gibt und wie sie funktioniert, wurde aber nicht geklärt.
Der Gütetermin scheiterte gestern. Reiter’s-Anwalt Fabian à Tellinghusen behielt sich vor, den öffentlich vorgetragenen Abhör-Vorwurf in einem nachfolgenden Termin vom Gericht „aus der Welt räumen zu lassen“. Ramona Weide wiederum, die sich gestern vor Gericht selbst vertrat, lehnte ein Vergleichsangebot von Reiter’s ab und pochte auf eine Vergütung von Urlaubstagen, die ihr noch zustünden.
