Krummhörn/Ostfriesland - Dieses Hoch hielt nicht lange an: Die deutschen Milchpreise befinden sich erneut im freien Fall. Nachdem Bauern Mitte des vergangenen Jahres noch Rekordsummen von bis zu 68 Cent pro Liter bekommen haben, zahlen viele Molkereien jetzt nur noch knapp 40 Cent – Tendenz fallend. Für die Landwirtschaft kommt der Absturz zu einem ungünstigen Zeitpunkt, denn auf Höfen fallen jetzt nicht nur viele Einkäufe und Investitionen für das laufende Jahr an, sondern auch hohe Steuern für das Rekordjahr 2022. Peter Habbena aus der Krummhörn, Landeschef beim Bundesverband deutscher Milchviehhalter (BdM), ist sicher: „In Ostfriesland wir das den Strukturwandel, den wir momentan erleben, nur noch beschleunigen.“
Auskömmliche Erzeugerpreise für jeden Hof anders
Eine regionsweite Verallgemeinerung, so Habbena, ist schwierig, weil jeder landwirtschaftliche Hof ein eigenes Profil hat – was für den einen noch auskömmliche Erträge sind, kann für den nächsten schon die Insolvenz bedeuten. Denn wie teuer ein Liter Milch in der Erzeugung effektiv ist, kann von Hof zu Hof fast so stark schwanken, wie der Milchpreis es am Markt derzeit tut. „Ich selbst brauche zum Beispiel 47 Cent pro Liter, um auskömmlich zu sein“, rechnet Habbena vor, pro Glas Milch also rund zehn Cent. Für andere Höfe – gerade wenn diese nach aufwendigen Bio- und Nachhaltigkeitsstandards produzieren, könnte das viel zu wenig sein. „Deshalb tut es finanziell gerade auch so weh“, weiß Habbena, der trotz allen damit verbundenen Problemen seinen eigenen Hof derzeit auch auf Bio-Produktion umbaut.
Im eigenen Hofladen mit Milchtankstelle erlebt Peter Habbena großes Interesse von Kunden – weil die Preise günstiger als im Supermarkt sind. Allerdings dürfen Erzeuger nur einen kleinen Teil ihrer Milch auf diese Weise selbst vermarkten. Bild: Arne Haschen
Preisschwankungen gleich bis zu sechsstellige Verluste
Denn der Verlust einiger Cent pro Liter summiert sich schnell auf beachtliche Summen: Ein Hof mit 200 Milchkühen, die pro Jahr jeweils 8000 Liter abgeben, würde bei zehn Cent Verlust pro Liter ein Minus von 160.000 Euro im Jahr verkraften müssen, so Habbena. Für ihn selbst war diese Unwägbarkeit auch ein Grund, seinen Betrieb 2019 zu verkleinern, um wieder „richtiger“ Bauer zu werden. Denn der branchenweit empfundene Zwang zur Vergrößerung der Produktion hat viele Schattenseiten – speziell in einer von alten Höfen geprägten Region wie Ostfriesland. Habbena: „Die großen Betriebe haben oft keine finanziellen Sicherheiten mehr, weil immer mehr Fremdkapital im Spiel ist.“ Kleine Höfe hätten im Vergleich mehr Aufwand und weniger potenziellen Gewinn, stehen finanziell aber nicht immer sofort mit dem Rücken an der Wand.
Viele Hürden auch für die, die sich verändern wollen
Und das eine gute Jahr, das 2022 für hiesige Milchviehbetriebe war, reiche nicht aus, die vielen Schwierigkeiten der jüngsten Vergangenheit wegzuwischen. „Es bringt natürlich nichts, immer nur zu meckern – wir Bauern müssen mit der Zeit gehen und uns anpassen.“ Die Hürden seien aber in allen Bereichen sehr hoch. Ein Beispiel: „Bauern gelten als Lebensmittelproduzenten, auch wenn unsere Produkte weiter verarbeitet werden, bevor sie gekauft werden.“ Im angenommenen Fall, dass angeliefertes Kraftfutter schadstoffbelastet war und die erzeugte Milch damit auch, haftet der Bauer – nicht die verarbeitende Molkerei. Das und die seit Beginn des Ukraine-Kriegs heftig gestiegenen Kraftfutterpreise sorgen dafür, dass immer mehr Landwirte versuchen, Futter selbst zu produzieren. Den Trend aufhalten wird das aber nicht, weiß Peter Habbena: „Wir haben im ganzen Land keine 50.000 Milchbauern mehr – die Probleme landen auf immer weniger Schultern.“
