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Auf den Spuren eines alten Brauchs Martini in Ostfriesland: Götter, Heilige und Propheten

Früher gab es keine Kekse, sondern Äpfel und Nüsse: Süßigkeiten zu Martini – wie hier in einer ehemaligen Gaststätte in Nesse – setzten sich erst im 20. Jahrhundert durch.

Früher gab es keine Kekse, sondern Äpfel und Nüsse: Süßigkeiten zu Martini – wie hier in einer ehemaligen Gaststätte in Nesse – setzten sich erst im 20. Jahrhundert durch.

Norden - Kippkappkögel und Scherbellenskoppen gehören noch heute an Martini dazu, auch wenn sich dafür inzwischen die Begriffe Laterne und Verkleidung durchgesetzt haben. Seit Jahrhunderten ziehen Kinder in Ostfriesland am 10. November singend von Haus zu Haus. Dass aber nicht nur Martin Luther zu diesem Brauch beigetragen hat, sondern schon die Germanen den Grundstein legten und auch die katholische Kirche nicht unbeteiligt war, ist vielfach unbekannt. Adolf Sanders, Ehrenvorsitzender des Heimatvereins Norderland, weiß um die Herkunft der noch heute so beliebten ostfriesischen Tradition.

Was hat das bäuerliche Leben mit Martini zu tun?

Wenn die Ernte erledigt ist, darf gefeiert werden. Das hielten schon die Germanen so. „Um richtig ausgelassen sein zu können und dabei nicht erkannt zu werden, verkleideten sich damals viele“, sagt Sanders. Zu Ehren ihres Gottes Wotan zündeten die Germanen Feuer an und zogen vermummt durch das Dorf. Immerhin war es das letzte große Fest des Jahres, bevor sich das Leben im Winter in die Häuser verlagerte. Traditionell wurde das Erntefest am 1. November gefeiert. Mit der Kalenderreform Ende des 16. Jahrhunderts verschob sich dieses Datum allerdings um zehn Tage und fiel damit fortan auf den heutigen Martinstag, den Tag des Heiligen Martin von Tours aus dem 4. Jahrhundert. „Der Martinstag kam Ende des Mittelalters immer mehr in Mode“, weiß Sanders und ergänzt: „Die Ostfriesen feiern aber gern alles einen Tag früher, so wird zum Beispiel Nikolaus bereits am 5. Dezember abends gefeiert.“ Ähnlich hielt man es in der Region deshalb auch mit dem Erntedankfest. Die Geburt des späteren Reformators Martin Luther am 10. November 1483 sorgte schließlich jedoch für einen Wandel des Ursprungsbrauchs.

Wie hat Martin Luther die Ostfriesen beeinflusst?

„Im 17. und 18. Jahrhundert wurde die Feier zum Geburtstag Martin Luthers in Ostfriesland immer größer.“ Weil schon der junge Luther Ende des 15. Jahrhunderts singend als sogenannter Kurrendesänger durch Magdeburg gezogen war, griffen hiesige Kinder diese Idee auf. Für ihren Gesang erhielten sie Äpfel und Nüsse. „Martini ist ja nach der Erntezeit und das war es früher, was die Menschen auf dem Land zu Hause hatten“, so Sanders. Anders handhabten es hingegen die Stadtbewohner: Weil sie über keinen Vorrat an Obst oder Nüsse verfügten, gab es von ihnen einen Groschen als Gabe. „Dass man Schokolade bekommt, ist eine Entwicklung, die sich erst im 20. Jahrhundert durchgesetzt hat.“

Heute gibt es Laternen in jeder Form und Farbe: Früher zogen die Kinder in Ostfriesland hingegen mit ausgehöhlten Rüben und einer Kerze darin von Haus zu Haus. Bild: Medienzentrum Norden

Heute gibt es Laternen in jeder Form und Farbe: Früher zogen die Kinder in Ostfriesland hingegen mit ausgehöhlten Rüben und einer Kerze darin von Haus zu Haus. Bild: Medienzentrum Norden

Woher stammen die Begriffe Scherbellenskoppen und Kippkappkögel?

Die Verkleidungen haben sich indes über Jahrhunderte gehalten – noch heute werden sie auf Plattdeutsch als Scherbellenskoppen, nach der Wahrsagerin und Prophetin Sibylle aus dem Altertum benannt, bezeichnet. Ein Brauch, der sich von den Germanen bis heute gehalten hat. Laternen in sämtlichen Formen und Farben haben allerdings die einstige Runkelrübe, eine Futterrübe, abgelöst. „Sie mussten vor dem Frost aus dem Boden und boten sich deshalb besonders an“, erklärt Sanders. Ihre Form erinnerte an eine umgedrehte Bischofsmütze, weshalb die plattdeutschen Begriffe für Mütze – Kipp, Kapp und Kögel – noch heute Synonym für Laterne benutzt werden. Ausgehöhlt und mit einer Kerze versehen, dienten sie als Licht in der Nacht. „Und weil es in den Städten keine Rüben gab, hat man dort Papier genommen.“

Elisabeth Ahrends
Elisabeth Ahrends Emder Zeitung (Leitung)
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