Norden - Es heißt, die Stadt Norden sei Ostfrieslands „grünes Tor zu Meer“. Offenen Zugang zur Nordsee hat heute aber nur der Ortsteil Norddeich, der direkt an der Küste liegt. Das war einst anders: Über das Norder Tief war der Stadthafen bis ins Jahr 1929 – als das Leybuchtsiel in Betrieb genommen wurde – direkt mit der Nordsee verbunden. Die Serie „Histoorje an’n Deep“ erklärt die Bedeutung des Tiefs für die Stadt und wie es sich bis heute verändert hat.
Details dazu hat der der Experte und Vorsitzende des Fördervereins Norder Hafen, Wolf-Dietmar Starke, in seinem Band „Der alte Norder Hafen“ ausgearbeitet. Demnach konnte sich Norden dank des natürlichen und geschützt liegenden Hafenbeckens zu einer bedeutenden frühmittelalterlichen Seehandelsstadt entwickeln. Das Tief war jahrhundertelang eine Lebensader, über die Waren nicht nur aus Nationen wie England oder den Niederlanden, sondern auch deutschen Binnenregionen wie dem Ruhrgebiet gehandelt wurden. Der Bau von Sielen und Deichen ließ das Tief aber immer mehr verschlicken, bis es zu flach für Handelsschiffe wurde (schon vor 1929). Heute legen in Norden nur noch Sport- und Freizeitschiffe an.
Überbleibsel der Eiszeit
Wann genau das Gebiet der Stadt Norden erstmals besiedelt wurde, lässt sich nicht sagen. Archäologische Funde reichen aber bis in die Jungsteinzeit (mindestens 2000 vor Christus) zurück. Die Küste sah damals noch anders aus, der steigende Meeresspiegel hatte jedoch schon beinahe den jetzigen Stand erreicht.
Der Norder Geestrücken, der im Bereich des heutigen Stadtkerns rund 9,5 Meter über Normalnull liegt, bot den Einwohnern Schutz vor Sturmfluten – für dauerhafte Siedlungen an der Küste eine Notwendigkeit. Das nahe liegende Tief war gleichzeitig eine ideale Entwässerungsmöglichkeit.
Es existierte damals bereits als eine tiefe Schmelzwasserrinne aus der Eiszeit, die aus Richtung Westerende kommend direkt am Geestrücken vorbei bis zur Nordsee reichte – mit der Kraft von Ebbe und Flut konnten Schiffe so bis ins Binnenland fahren. Zur Zeit der ersten urkundlichen Erwähnung von Norden im Jahr 1255 war der Ort bereits ein städtisch geprägtes Zentrum.
Ebbe und Flut im Hafen
Der Norder Schifffahrtshandel wurde einst auf nach heutiger Sicht abenteuerliche Weise abgewickelt: Bei Flut stieg der Pegel des Tiefs so sehr, dass voll beladene Schiffe bis zum Stadthafen (oder weiter) landeinwärts vordringen konnten. Dort wurden sie im südlichen Uferbereich auf Grund gefahren und die Fracht bei Ebbe mit Einsatz von Muskelkraft gelöscht – einen Kai oder feste Kräne gab es nicht. Mit der nächsten Flut konnten die Schiffe Norden dann wieder verlassen.
Schiffsverkehr erschwert
Im Laufe der Jahre füllten sich das Tief und der Hafen jedoch immer mit Sedimenten an – sie „verlandeten“. Verstärkt wurde dieser Effekt im Jahr 1573, als das Norder Siel in Betrieb genommen wurde, dass das Tief im Hafenbereich unterbrach. Zu dieser Zeit gab es dort wohl schon Pfahlwände, an denen Schiffe angelegten, aber die Tide reichte jetzt nur noch bis ins Hafenbecken. Das hatte den nachteiligen Effekt, dass ablaufendes Wasser keine starke Sogwirkung mehr aufbauen konnte, die bis dato viele Sedimente regelmäßig wieder zurück in die Nordsee gespült hatte. Wolf-Dietmar Starke hat ausgerechnet, dass im Bereich der Stadtbrücke bei Ebbe wohl mehr als 100 Kubikmeter Wasser pro Sekunde Richtung Meer geströmt sind, bevor das Siel gebaut wurde.
Trotz arbeitsintensiver Bau- und Räumungsmaßnahmen war das Norder Tief im späten 19. Jahrhundert dann nicht mehr für große Schiffe befahrbar. Zusammen mit dem Bau des Leybuchtsiel wurde das Tief in den 1920er Jahren zwar umfassend ausgebaggert, es sollte aber nie wieder ein wichtiger Seehandelsweg für die Stadt Norden werden.
