Ostfriesland - Mein ostfriesischer Onkel Warfsmann war ein großer Geschichtenerzähler. Als Kind liebte ich es, ihm zuzuhören. Dagegen bot das Fernsehen nur Langeweile.

Tante Mia nannte es: „Der spinnt wieder Seemannsgarn. Glaub ihm besser nur die Hälfte.“

In der Tat war er lange zur See gefahren, doch ich vermute, er hat längst nicht alle Häfen gesehen, und nicht alle Länder bereist, in denen er angeblich Abenteuer erlebt hatte.

Als ich – gerade mal sechzehn Jahre alt – Hemingways „Der alte Mann und das Meer“ las, kam mir die Geschichte merkwürdig bekannt vor.

War nicht mein Onkel Warfsmann eben dieser Fischer? Hatte er mir nicht vom Kampf mit dem Blue Marlin und dem Hai berichtet?

Ich ahnte, dass Hemingway nicht bei meinem Onkel abgeschrieben hatte, sondern dass Onkel Warfsmanns Geschichten von Romanen inspiriert waren.

Er machte sich zur Hauptfigur und erzählte die Geschichte dann neu. Er erfand Dinge dazu, fügte interessante Wendungen ein und gab den Romanfiguren neue Namen.

Manchmal verlegte er einen Handlungsort. So wurde aus New Hampshire Esens und aus dem US-Bundesstaat Maine wurde Ostfriesland.

Er ging mit der Wirklichkeit recht kreativ um.

Er war, aus Liebe zu seiner Frau, vom ostfriesischen Seefahrer zum Bergmann unter Tage im Ruhrgebiet geworden.

Welch eine Liebesgeschichte!

Aber er machte kein großes Ding daraus. Er erzählte, er nähme das Meer immer mit in den Kohlestollen. Er trage die Nordsee in sich, behauptete er stolz, ja er könne beim Untertageabbau die salzige Luft Ostfrieslands einatmen. Er tippte gegen seine Stirn und sagte: „Das findet alles hier statt oder überhaupt nicht.“

Als ich nach einem Vortrag an der Filmhochschule Babelsberg von Filmstudenten gefragt wurde, wo und bei wem ich den Spannungsaufbau meiner Geschichten gelernt hätte, antwortete ich spontan: „Bei meinem ostfriesischen Onkel Warfsmann.“

Zunächst erntete ich Gelächter.

Sie hatten erwartet, dass ich von berühmten Dramaturgen berichte, von renommierten Autoren oder Filmschulen. Doch dann wollten sie mehr wissen. Es wurde ein spannender Nachmittag voller Geschichten. Später auf der Rückreise wurde mir klar, wie sehr Onkel Warfsmann mein Schreiben wirklich beeinflusst hatte.

Durch ihn lernte ich die Faszination des Erzählens erst wirklich kennen. Geschickt setzte er Pausen, um es noch spannender zu machen. Eine gute Geschichte war für ihn wie Ebbe und Flut. Der Wechsel zwischen Erwartung und Erlösung, Geheimnis und Erkenntnis.

„Menschen“, sagte er, „brauchen Geschichten, um die Welt zu erfassen und um nicht verrückt zu werden.“