Emden - Noch immer verstopft das auf Grund gelaufene Containerschiff „Ever Given“ den Suezkanal. Und so schnell wird der 400 Meter lange und fast 60 Meter breite Koloss wohl auch nicht zu bergen sein. Gestern hatten sich bereits gut 200 Schiffe auf der Schifffahrtsstraße angestaut, die zu den meistbefahrenen der Welt gehört. Nicht nur für betroffene Schiffsreeder eine Katastrophe, sondern auch für die weitere Logistikkette.

Eine Einschätzung, was das alles nach sich ziehen kann, hat auf EZ-Anfrage Dr. Anne Schweizer von der Hochschule Emden/Leer abgegeben, Professorin für Digitales Marketing und Logistik im Fachbereich Wirtschaft.

Wie wirkt sich der Stau im Suezkanal auf die Logistikkette an Land aus?

„Die Auswirkungen sind je nach Ziel der einzelnen Container individuell und unterschiedlich“, sagte sie. Diese könnten sich bis in einzelne Produktionsketten ziehen - etwa wenn Teile, die als Bestandteile eines größeres Bauteils geplant waren, im Container auf dem Schiff „feststecken“.

Zur person

Dr. Anne Schweizer (40) hat in Bremen Informatik studiert. Zum Dr.-Ing. promovierte sie im Bereich Logistik & Prozesssimulation (Installation von Offshore-Windenergieanlagen). Danach war sie unter anderem als Prozessingenieurin bei der BLG Logistics Group tätig. Seit Februar 2020 lehrt sie an der Hochschule Emden/Leer.

Wirft ein verspätetes Entladen personell alles durcheinander?

Logistikdienstleister und Seehafenterminalbetreiber planten ihre Schichten (Personal und Gerät) meist kurzfristig und könnten auf spontane Veränderungen reagieren. „Hier sehe ich keine so großen Probleme“, sagte Schweizer, „die Flexibilität dieser Branchen ist wirklich klasse und bewundernswert.“

Was ist dann das Problem?

„Eine größere Herausforderung ist, dass zu einer Entladung in einem Hafen auch immer schon die Beladung mit Folge-Fracht geplant ist“, erläuterte die Professorin. Und diese Lieferketten seien nun gefährdet, da ein Weitertransport nicht stattfinden kann.

Was kann man da tun?

Disponenten könnten versuchen, die Container auf andere Schiffe, die planmäßig kommen und noch Kapazitäten haben, umzubuchen. „Das ist auf jeden Fall etliches an Aufwand“, sagte Schweizer. Eine Herausforderung sei zudem der Umgang mit den „wirklich eng getakteten globalen Liefer- und Produktionsketten“. Diese könnten durch Lieferverzögerungen hart an die Grenze gebracht oder gar unterbrochen werden.

Was für Folgen und Mehrkosten zieht das nach sich?

Schweizer: „Die betroffenen und beplanten Liefer- und Produktionsketten sind nun alle umzuplanen.“ Die Mehrkosten seien dabei sehr individuell. „Neben dem Personalaufwand für die Anpassung der Planung könnte man im schlimmsten Fall - wenn zum Beispiel ein Produktionsprozess ’steht’ - alle Ausfallkosten dieses Produktionsprozesses mit in die Gesamtkalkulation nehmen.“ Hier allerdings pauschale Euro-Werte nennen zu wollen, wäre nicht seriös, merkte die Professorin an. Wenig werde es aber sicher nicht sein. „Wir alle merken jetzt wieder, wie abhängig wir von einem reibungslosen Warenverkehr sind.“

Gaby Wolf
Gaby Wolf Emder Zeitung