Im Nordwesten - Bei einem Sturz in die Nordsee oder ein anderes kaltes Gewässer können Menschen ohne Kälteschutzbekleidung in wenigen Augenblicken ertrinken. Davor warnt der langjährige Notarzt Dr. Jens Kohfahl. Der Kontakt des Wassers mit der Haut erzeuge einen Kälteschock: „Wir atmen sofort massiv ein.“ Diese Reaktion sei nicht zu kontrollieren. „Und wenn man Wasser inhaliert, kann man daran ersticken und ertrinken“, erklärt Kohfahl in dem schon vor dem aktuellen Schiffsunglück in der Nordsee geführten Interview. Der Cuxhavener war jahrzehntelang Hausarzt und fuhr daneben Einsätze mit der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS).

Die Suche nach den vermissten Seeleuten des Frachters „Verity“ hört nicht auf. In engem Suchverband wird das über den Tag stets weiter berechnete Suchgebiet abgesucht. Vor Ort sind zahlreiche Seenotrettungskreuzer der Deutschen Gesellschaft zur Rettung Schiffbrüchiger (DGzRS) sowie viele Behördenschiffe.

SCHIFFSUNGLÜCK AUF NORDSEE Ein Seemann tot, Taucher suchen noch immer nach vier Vermissten

Michael Hacker
Wilhelmshaven

Der Sturz in kaltes Wasser, also ab einer Temperatur von 15 Grad Celsius und weniger, könne auch zu Herzinfarkt, Herzstillstand oder Schlaganfall führen, sagt Kohfahl. Wer diese erste Phase überlebe – ob Offshore-Arbeiter, Seemann, Segler, Fischer oder Kreuzfahrtpassagier – dem drohe das Ertrinken durch Schwimmversagen, sobald die Kälte die Muskulatur lähme. Daher sollten Betroffene die Minuten nach dem Kälteschock nutzen, etwa indem sie mit einer Pfeife auf sich aufmerksam machen oder eine nicht aktivierte Rettungsweste aufblasen – das Tragen einer Rettungsweste sei überlebenswichtig. Mehrere Schiffbrüchige sollten sich zusammenschließen. „Man wird einfach besser gesehen und kann sich gegenseitig helfen.“

Wenn die Risiken Kälteschock und Schwimmversagen überstanden sind, droht als drittens eine Unterkühlung bis zum Tod, so Kohfahl. Dem Kälteschock und Schwimmversagen könnten fitte Menschen besser trotzen, der Unterkühlung hingegen Menschen mit etwas mehr Körpergewicht. Generell spiele die Psyche eine große Rolle, meint der Arzt. „Ans Überleben zu glauben ist extrem wichtig.“