Krummhörn - Das Unheil kommt durchs Radio. Am 16. Februar 1962, es ist ein Freitag, teilt ein Sprecher im Rundfunk mit, dass der Küste eine schwere Sturmflut drohe. Zwei Meter höher als das normale Hochwasser soll die Nordsee ansteigen. Es ist 8.09 Uhr. Ludwig Wolthoff ist elf Jahre alt. Gleich muss er zur Schule. Die Nachrichtendurchsage aber wartet er ab. Die nächsten Stunden werden sein Leben prägen.
Wolthoff lebt mit seinen Eltern und den beiden älteren Geschwistern in Pilsum. Dort nehmen die Dörfler die Nachricht von der drohenden Sturmflut noch gelassen auf. Wenige Tage vorher, am 12. Februar, gab es die letzte Sturmflut. Geringe Sachschäden waren die Folge. Die Ostfriesen sind sturmerprobt. Wer an der Küste lebt, weiß um die Zumutungen, um Entbehrungen, Verwüstungen, Hungersnöte, die Wind und Wasser in der Vergangenheit mit sich brachten. So geht es auch dem Elfjährigen, der sich nach Frühstück und Radiodurchsage auf den Weg in die Schule macht, auf der Straße Freunde trifft und mit ihnen über die Neuigkeiten spricht.
Es ist das Thema in der Schule. Die Kinder versuchen zu verstehen, was vor sich geht. Die Konzentration auf Deutsch und Mathe fällt schwer. „Es herrschte große Aufregung in der Schule“, erinnert sich Wolthoff heute. Am Nachmittag treffen sich die Kinder, stromern durchs Dorf, um Neuigkeiten aufzuschnappen.
Einige Stunden später sitzt Wolthoff mit seinen Eltern beim Abendessen. Brot steht auf dem Küchentisch. Wie immer. Aber etwas ist anders. „Ich konnte die Anspannung meiner Eltern spüren“, sagt Wolthoff. „Das machte mir Angst.“ Was der Elfjährige zu dem Zeitpunkt nicht weiß: Der Nachrichtensprecher hatte untertrieben. Das Wasser ist im Laufe des Tages nicht um die gedachten zwei Meter angestiegen, es steht 3,5 Meter hoch. Im Fernsehen laufen Sondersendungen. Die Eltern versuchen, dem Kind die Situation zu erklären – und Hoffnung zu machen. Die Stimmung aber ist gedrückt. Nach dem Abendessen geht es für Wolthoff ins Bett.
Schlaflos
An Schlaf ist im Bett unter der Decke für den Pilsumer aber nicht zu denken. Er lauscht. Und bekommt Wortfetzen seiner Eltern mit. Diffuse Ängste steigen in ihm auf. „Was wird aus unserem Haus? Wird es zerstört? Was wird aus mir und meiner Familie?“ An Schlaf ist in dieser Nacht nicht zu denken. Es ist die erste Nacht, in der der elfjährige Ludwig nicht schlafen wird. Angst und Nervosität halten ihn wach.
Während der Elfjährige im Bett grübelt, ereignen sich wenige Kilometer am Deich dramatische Szenen. Der Orkan peitscht das Wasser gegen den Deich. In Greetsiel hat das Wasser den Hafen überschwemmt. Gegen Mitternacht kämpfen sich drei Greetsieler durch den Wind zum Pilsumer Leuchtturm. Nur rund 30 Meter entfernt in Richtung Manslagt-Hamswehrum klafft an der Seeseite des Deichs ein Loch. Der Durchbruch droht.
Der Küstenschutz wird alarmiert, die Feuerwehren in Alarmbereitschaft gesetzt, auch bei der Bundeswehr macht der drohende Deichdurchbruch die Runde. Männer aus dem Dorf rennen zum Deich. Sandsäcke werden gepackt und zum Deich geschleppt. Bagger rollen an, sie lösen die Männer ab, die vorher mit ihren Spaten Sand, Stroh, Buschwerk und was noch zu greifen war, in die Säcke füllten. Die Hilfskräfte treffen ein, Feuerwehren aus der ganzen Umgebung, das THW, das Rote Kreuz, selbst der ADAC ist mit Fahrzeugen da. Die Menschen nehmen den Kampf auf.
Wolthoff kämpft mit
Das wird wenige Stunden später auch der elfjährige Ludwig Wolthoff tun. Eine schlaflose Nacht liegt hinter ihm, als er am Samstagmorgen am Frühstückstisch sitzt. Lange hält es ihn dort nicht. Er verlässt das Haus, trifft sich mit Freunden und macht sich auf Richtung Deich. Dort sieht er, wie die Männer mit Pferdewagen die Sandsäcke über den Trampelpfad zum Deich transportierten. Autos kommen da nicht hin. Er fährt auf einem Pferdewagen mit und hilft beim Abladen. Stundenlang. Aber die Arbeit hilft, sie gibt ihm die Initiative zurück, er ist dem Wasser nicht mehr schutzlos ausgeliefert.
Am Samstagabend ist die Anspannung noch groß. Seine Großeltern sind inzwischen eingetroffen. Sie wohnen in Neu-Hauen, einer niedriger gelegenen Siedlung. Im höher gelegenen Haus seiner Eltern suchen sie Schutz. Wolthoff wird wieder schlecht schlafen. Aber: Er schläft. Und am nächsten Morgen, dem Sonntag, den 18. Februar, breitet sich Normalität aus. So schnell der Sturm kam, so schnell ist er wieder fort.
„Es war, als wäre ich in einer anderen Realität.“ Einer vertrauten. Seine Eltern machen Alltagsdinge. „Mein Vater bereitete seine Arbeit vor, meine Mutter sprach über Besorgungen.“ Der Elfjährige spürt, die Sturmflut ist überstanden. „Aber es hat Spuren hinterlassen“, sagt Wolthoff. „Damals habe ich gelernt: Das Leben ist mehr, als zur Schule gehen und zu spielen.“
Inzwischen schreibt er Heimatbücher. Sechs Stück hat er veröffentlicht. In allen spielen die Geschehnisse dieser Tage eine Rolle. Die Sturmflut hat sein Leben geprägt.
