Navigation überspringen
nordwest-zeitung
Abo-Angebote ePaper Newsletter App Prospekte Jobs Immo Trauer Shop

Landwirt auf Reisen Henning Hinrichs und das Abenteuer Neuseeland

wilko Janßen

Tjüchen - Natürlich gibt es in Ostfriesland unter den Landwirten noch viele „Fans“ der Weidehaltung. Doch mit den immer größer gewordenen Milchviehherden und der Möglichkeit, in modernen Ställen hochwertige Futterrationen vorzulegen, ist das Rindvieh auf den Grünlandflächen in unserer Region während der Vegetationszeit längst nicht mehr so zahlreich zu erblicken wie noch in vergangenen Zeiten. Und spätestens ab November werden die Tiere endgültig aufgestallt – immer nasser werdende Flächen und das Ende des Graswachstums lassen den ostfriesischen Landwirten keine andere Entscheidungsmöglichkeit.

Ganz anders ist die Situation dagegen in Neuseeland: Schon seit Jahrzehnten gilt der seit seiner britischen Kolonialzeit sehr stark von der englischen Kultur geprägte Pazifikstaat in landwirtschaftlichen Fachkreisen als Inbegriff für eine ganzjährige, ertragreiche Weidehaltung. Möglich macht diese ein grundsätzlich mit Mitteleuropa zu vergleichendes gemäßigtes Klima, das aber zugleich regelmäßig die für uns noch ungewohnten Dürresommer bereit hält. Dennoch fällt auf der neuseeländischen Nordinsel ganzjährig immerhin 600 Milliliter Regen, sodass im südlich von Auckland gelegenen Waikato District, der neuseeländischen Milchvieh-Hochburg schlechthin, die Kühe auf den Weiden nicht hungern müssen. Auch die sandig-lehmigen Böden in der Ebene und die Eschböden in der hügeligeren Region sind alles andere als mager.

24 Stunden im Flieger

Doch ist ein „Eldorado für Weidehalter“ der Grund für einen 22-jährigen Junglandwirt aus Tjüchen (bei Burmönken), vorübergehend seine Zelte in der Heimat abzubrechen und für zehn Monate auf neuseeländischen Farms zu arbeiten? Nein, sagt Henning Hinrichs und lacht, hier habe, wie so oft im Leben, der Zufall eine Rolle gespielt. Abenteuerlust habe er schon und auch die Bereitschaft, „nach der Ausbildung mal etwas anderes zu tun“, sei da gewesen. Doch letztlich habe ein guter Draht seiner Freundin Marrit zu ihrem ehemaligen Nachbarn in der Wesermarsch den Ausschlag gegeben: Dieser hatte nämlich mal zehn Jahre in Neuseeland gearbeitet und konnte entsprechende Kontakte herstellen. Da auch Marrit eine gelernte Landwirtin ist, waren beide guter Dinge, in Neuseeland eine entsprechende Beschäftigung zu finden. Das hieße auch, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen: Das Geld für den Aufenthalt „am Ende der Welt“ könnte vor Ort verdient werden und man erlebte gleichzeitig hautnah die dortige Landwirtschaft.

Los ging das selbstständig vom ersten bis zum letzten Tag organisierte Abenteuer am 28. Juni 2019 mit einer Zugfahrt von Wittmund nach Frankfurt. Dort wartete bereits der Flieger in die thailändische Hauptstadt Bangkok, von wo es dann weiter in die auf der neuseeländischen Nordinsel gelegenen Großstadt Auckland ging. „Insgesamt flogen wir etwa knapp 24 Stunden, hinzu kam eine etwa sechsstündiger Wartezeit auf dem Bangkoker Flughafen“, blickte Henning Hinrichs auf eine sehr anspruchsvolle Anreise zurück.

Zuerst Ziegen gemolken

„Erst mal mit den kleinen Wiederkäuern anfangen, sich dann zu den großen vorwagen“, wäre ein passendes Motto für den ersten Arbeitseinsatz von Henning und Marrit in Neuseeland. Schließlich ging es gleich nach der Landung für einen Monat auf eine 800 Tiere umfassende Ziegenfarm. Diese lag im etwa eine Autostunde vom Aucklander Flughafen entfernten Waikato District. Der Chef holte die beiden persönlich vom Flugplatz ab, die Unterbringung erfolgte in Arbeiterunterkünften. Der Juni ist auf der Südhalbkugel ein Wintermonat, auch wenn man es von den Temperaturen her nicht meinen sollte, und die Zeit, in der die Ziegen ihre Lämmer bekommen. Viel Arbeit also für Henning und Marrit, die sich sowohl um den Nachwuchs als auch um das Melken der Ziegen kümmern mussten.

Doch Ziegen melken konnte für das Paar nur ein erster Einstieg in die neuseeländische Landwirtschaft sein, von Haus aus sind beide an Kühe gewohnt und interessiert. Davon gab es dann genug auf einem zu den fünf „Hoddervillefarms“ gehörenden landwirtschaftlichen Betrieb unweit der Ziegenfarm. 700 Kühe plus Nachzucht hielt die „Filiale“ der „Hoddervillefarms“ das ganze Jahr über draußen auf der Weide. Dabei liefen die 700 Kühe „nur“ auf 200 Hektar Grünland – eine Fläche, die für ein eher überschaubares Futterangebot steht und in Deutschland als Nachweisfläche bei weitem nicht ausreichen würde. „Doch der Staat macht den Landwirten in Neuseeland eher wenig Auflagen. Außerdem war der Betriebsleiter mit einer für unsere Verhältnisse sehr bescheidenen Milchleistung zufrieden“, so der Junglandwirt. Überhaupt ließ man auf den „Hoddervillefarms“ den lieben Gott einen guten Mann sein: Es gab keine Ställe, nur einen Unterstand für ganz junge Kälber, der Melkstand war ein „Betonloch mit Dach“ und Schlepperarbeiten standen kaum an. Als Rasse setzten die „Hoddervillefarms“ auf eine Kreuzung aus Holstein Frisian und Jersey.

„Milchbar“ für Kälber

Im Dezember, dem Beginn des australischen Sommers, wechselten Henning und Marrit zu den eine Autostunde von den „Hoddervillefarms“ entfernt gelegenen „Romafarms“. Die neue Arbeitsstelle sei von der Betriebsphilosophie her das glatte Gegenstück zu der ersten Station gewesen: Hier bevorzugte der Chef ein intensives Wirtschaften mit der Rindviehrasse Jersey. Mit 8000 Litern Milch pro Kuh und Jahr wurde eine für Jersey-Verhältnisse beachtliche Milchleistung erzielt. Möglich machte diese der Zukauf von Futtermitteln und die Ernte von 200 Hektar Silomais. Hennig durfte sich hier etwas verstärkter den Schlepperarbeiten widmen – zusammen mit Marrit kümmerte er sich aber auch um das Melken, neugeborene Kälber und das Besamungsmanagement. An einer 300 Liter fassenden „Milchbar“ konnten 50 Kälber gleichzeitig nuckeln, die Kühe wurden mit dem Motorrad zum Melken geholt.

Natürlich kam auch die Freizeit nicht zu kurz, ein beliebtes Erholungsziel war für das junge Paar der Waikato River, der längstes Fluss Neuseelands. Henning schwärmt noch heute von einer einzigartigen Natur und Tierwelt, bestehend aus Geysiren, Thermalquellen, Vulkanen und Delfinen. „Auch das Ansehen der Landwirte in der Bevölkerung ist sehr hoch“, freute sich der Tjüchener. Zurück in die Heimat ging es dann am 9. April diesen Jahres zu einem Zeitpunkt, als die Corona-Pandemie die Welt bereits fest im Griff hatte. Der Abreisetermin stand zwar schon vorher fest, fiel aber jetzt in die Kategorie „Rückholaktion der Bundesregierung“. Und so konnte auch abschließend die Lust am Abenteuer ein letztes Mal ausgelebt werden.

Themen
Artikelempfehlungen der Redaktion
Nach Zündung der beiden Sprenglandungen sackte der Kran zusammen und fiel wie geplant zu Boden.

RHENUS MIDGARD Kran im Nordenhamer Hafen gesprengt

Nordenham
Zieleinlauf beim Matjeslauf in Emden 2023

VOLKSLÄUFE IM NORDWESTEN IM JUNI – TEIL 1 Von 5 Kilometer bis 6 Stunden – Elf Startgelegenheiten bis zu den Sommerferien

Mathias Freese
Nordwesten
Sind in diesem Sommer früh wieder gefordert: Jan Urbas (links) und Nicholas Jensen

FISCHTOWN PINGUINS Erfolge bescheren Bremerhavener Eishockey-Team dichten Terminplan

Hauke Richters
Bremerhaven
Nimmt im Sommer erstmals an den Olympischen Spielen teil: der Oldenburger Jannis Maus

„ICH WILL MÖGLICHST VIEL AUFSAUGEN“ Oldenburger Kitesurfer Jannis Maus fiebert Olympia-Premiere entgegen

Niklas Benter
Oldenburg
Da wird die Deckenlampe zum Duschkopf: Das Wasser kommt durch die Decke und läuft an den Wänden hinunter.

MIETÄRGER IM AMMERLAND Wenn das Wasser aus der Deckenlampe strömt

Anke Brockmeyer
Westerstede