Über Sprache drücken wir uns aus. Wir unterhalten uns, trösten, feuern an – können aber auch verletzen. Etwa, wenn wir Wörter verwenden, die rassistisch sind, wie das N-Wort. Sprachwissenschaftlerin und Germanistin Prof. Dr. Fuhrhopf von der Universität Oldenburg erklärt, warum wir uns unserer Sprache bewusst sein müssen und wie wir Menschen begegnen können, die rassistische Wörter nicht aus ihrem Sprachgebrauch streichen wollen. Das Interview ist Teil einer kleinen Artikelserie zum Thema Rassismus – ein Jahr nach dem Tod von George Floyd.
Frau Prof. Dr. Fuhrhop, wie beeinflusst Sprache unser Denken in Bezug auf Stereotypen?
Nanna Fuhrhop: Ich fange mit einem Beispiel an: „Flüchtlinge hausen in einem Lager.“ Das erzeugt doch direkt ein anderes Bild als das Wort „wohnen“. Denn so wird Sprache häufig verwendet, um ganz bestimmte Bilder zu erzeugen. „Hausen“ hat einfach eine ganz andere Konnotation. Wir sind alle nicht gegen Stereotype gefeit. Aber Sprache ist ein Mittel, sich aufzubrechen. Der erste Schritt ist es, sich das bewusst zu machen.
Ist es problematisch, wenn rassistische Begriffe wie das N-Wort oder das Z-Wort auf Schleichwegen im Sprachgebrauch bleiben? Etwa in Wörtern wir Z-Sauce oder N-Kuss?
Fuhrhop: Ja, denn warum sollten wir diese Wörter verwenden? Es gab vielleicht mal eine Zeit, in der man diese Wörter nicht als rassistisch wahrgenommen hat, weil das Bewusstsein dafür fehlte. Aber sie sind eben aus der Zeit gefallen. Wir benutzen ja auch ganz bewusst Begriffe aus der Zeit des Nationalsozialismus nicht mehr. In der Diskussion um rassistische Sprache werden oft Kinderbücher angesprochen. Da würde ich doch denken, dass zum Beispiel Astrid Lindgren das heute anders formulieren würde, wenn sie sich dessen bewusst wäre. Ob man diese Bücher nachträglich ändert, muss allerdings gut überlegt werden, denn eine Zensur wollen wir nicht.
Wie begegnet man dem Argument, dass bestimmte Wörter schon immer so benutzt wurden, aber nie rassistisch gemeint worden seien?
Fuhrhop: Etwas schon immer so gesagt zu haben, ist kein Argument. Wir brauchen eine höhere sprachliche Aufmerksamkeit. Man muss sich eben überlegen, was man sagt. Es ist menschlich, in Schubladen zu denken, man muss sich das nur bewusst machen, um das aufzubrechen. Das sehen wir ja gerade daran, dass sich ändert, was wir als typisch Frau oder typisch Mann wahrnehmen und wie wir das formulieren. Die Bedeutung von Wörtern ändert sich ständig und wir machen das die ganze Zeit mit. Das ist ein natürlicher Prozess.Dazu gehört auch diese Frage, was man denn überhaupt noch sagen dürfe. Wir lernen immer wieder viele Wörter neu kennen. Das hat uns die Corona-Zeit gelehrt: Lockdown, Inzidenz, alle diese neuen Begriffe. Hat uns das überfordert? Auf sprachlicher Ebene nicht.
Sollten bestimmte Begriffe vielleicht einfach verboten werden?
Fuhrhop: Verbieten sollte man so etwas nicht. Da sollten wir lieber dem natürlichen Sprachgebrauch vertrauen. Das Wort ‚Fräulein’ wurde 1972 schließlich auch nicht verboten, sondern lediglich aus Formularen gestrichen. So darf es auch beim Gendern höchstens Leitlinien für ‚behördlichen‘ Sprachgebrauch geben. Alles andere wäre eine Sprachpolizei. Ansonsten kann man sich auch hier bemühen, gendersensibel zu formulieren, und zwar auch in der Begrifflichkeit; so gab es Zeiten, da war das Analogon zu ‚Familienvater‘ die ‚Rabenmutter‘. Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. Viel hat ja mit normalen Umgangsformen und Respekt zu tun. Wenn jemand zum Beispiel einen für mich fremden Namen hat, ist es eine Form des Respektes , zu lernen, wie man den ausspricht. Wenn jetzt jemand das N-Wort verwendet, gibt es ja die entsprechende Reaktion der Menschen darauf. Und wenn ich auf der Speisekarte im Restaurant das Z-Wort sehe, gehe ich dort nicht mehr hin. Es ist einfach nicht mehr angemessen. Wenn bestimmte Wörter nicht automatisch aus dem Sprachgebrauch verschwinden, müssen wir natürlich thematisieren, warum sie problematisch sind und das Bewusstsein dafür schaffen. Allgemein aber gilt: Wörter kommen und gehen, ihre Bedeutung ändert sich, das ist ganz normal.
Manche Menschen argumentieren, dass Gruppen untereinander Begriffe verwenden, die als rassistisch gelten. Gilt das dann nicht für alle?
Fuhrhop: Nein. Das hat viel mit Nähe und Ferne zu tun. Ich rede ja auch anders mit einem Professor als mit meinem Mann. Da haben wir andere Register für. Und das muss man respektieren, es führt nicht dazu, dass man so etwas als Außenstehender auch darf.
Ist die Frage nach Rassismus in der Sprache vielleicht auch ein Generationenkonflikt?
Fuhrhop: Die heute Älteren waren auch mal jung und haben sich gewehrt. Das waren zum Teil dieselben Kämpfe, wie die Diskussion um das Wort ‚Fräulein’ zeigt. Jüngere sind vielleicht aufgeweckter. Dann gibt es ja jetzt die Bezeichnung „alter, weißer Mann“. Das steht für eine Klasse von Menschen, die noch nie in ihrem Leben Diskriminierung erfahren haben. Aber wenn man sie als solche bezeichnet, wird manch einer sehr wütend. Das ist interessant, denn sie sind plötzlich in der Situation, dass sie genauso wie andere in eine Schublade gesteckt werden und kennen das nicht.
