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NWZonline.de Nachrichten Panorama

Syrerinnen In Der Türkei: Als Zweitfrauen „zur Ware geworden“

08.04.2015

Sanliurfa Halis Polat hält mit seinem Privatleben nicht hinterm Berg. „Reden wir offen“, sagt der 36-Jährige aus der südosttürkischen Stadt Sanliurfa. „Wenn Deine Ehefrau Dich im Bett nicht mehr glücklich macht, brauchst Du eine Zweitfrau.“ Polat hatte im Alter von 19 Jahren eine Gleichaltrige geheiratet. Fünf Kinder später hielt er die Zeit reif für eine zweite Ehe - und für eine 13 Jahre jüngere Frau, die vor dem Bürgerkrieg in Syrien in die Türkei geflohen war. Den Vorwurf, die Not der heute 23-jährigen Syrerin ausgenutzt zu haben, will er nicht geltenlassen. Ganz im Gegenteil.

Polygamie ist illegal in der Türkei, nur ein Bruchteil der Türken hat mehr als eine Ehefrau. Dennoch sind Mehrfachehen in manchen Regionen in dem Land mit seinen knapp 78 Millionen Einwohnern uralte Praxis. Nach offiziellen Schätzungen - die allerdings von vor dem Bürgerkrieg in Syrien stammen - lebten damals in der Türkei rund 372 000 Frauen als „Kuma“, also als Zweit-, Dritt- oder sogar Viertfrau. Am weitesten verbreitet ist die Praxis in der Provinz Sanliurfa, wo mehr als 7 Prozent der Ehen Medienberichten zufolge Mehrfachehen sind.

Zuverlässige Statistiken gibt es nicht, weil Mehrfachehen von den Behörden nicht geschlossen und damit nicht erfasst werden. Nach Angaben von Frauenrechtlerinnen hat die Zahl der „Imam-Ehen“, bei denen Geistliche Männer mit einer zweiten oder sogar dritten Ehefrau vermählen, mit der steigenden Zahl der Syrien-Flüchtlinge aber zugenommen. Rechtlich ist nur die erste Ehefrau abgesichert, die ihrerseits die Kinder der Nebenfrau als ihre eigenen anerkennen muss, wenn diese vor dem Gesetz nicht als unehelich gelten sollen.

Mehr als 1,6 Millionen Syrer hat die Türkei aufgenommen, die meisten davon sind Frauen und Kinder. Nach Jahren auf der Flucht haben viele von ihnen ihr Erspartes aufgebraucht, wenn sie überhaupt jemals Rücklagen hatten. Die finanzielle Not zwingt manche Syrerinnen dazu, sich als Zweitfrau ehelichen zu lassen. Medienberichten zufolge verheiraten Flüchtlinge sogar minderjährige Töchter mit Türken.

Unter liberalen Türken sind Mehrfachehen verpönt. In Regionen wie Sanliurfa sind sie aber besonders in konservativen Gesellschaftskreisen akzeptiert - und sie gelten als Zeichen des Wohlstands des Mannes. „Früher musste man sehr reich sein, um eine Zweitfrau zu haben“, sagt die Vorsitzende der Solidaritätsvereinigung der Frauen in Sanliurfa, Özlem Ulutas Sengül. Die Not der Syrerinnen habe aber deren Brautpreis gedrückt.

In Sanliurfa kursieren Zahlen, wonach eine syrische Zweitfrau für 5000 Lira (1800 Euro) zu heiraten sei - für Türkinnen schwanken die Angaben, sie liegen aber stets deutlich höher. Mehrfachehen sind damit plötzlich auch für weniger wohlhabende Männer erschwinglich geworden. „Zu den meisten Ehen kommt es, weil die Frauen zu Opfern wurden“, kritisiert Sengül. „Die Frauen sind zu einer Art Ware geworden.“ In Sanliurfa sage man inzwischen: „Der Preis der Frauen gleicht dem Preis von zwei Kilogramm Kartoffeln.“

Polat ist Besitzer einer Cateringfirma und empfängt den deutschen Besucher in seinem Büro, weit weg von seinen Ehefrauen. Er räumt ein, dass manche Türken die Notlage der Syrerinnen ausnutzten. Weder er noch die meisten anderen Ehemänner gehörten aber zu dieser Gruppe, beteuert er. „Männer heiraten sie, um sie vor Prostitution zu schützen.“ Als Unternehmer wäre er ohnehin wohlhabend genug gewesen, „jede heiraten zu können“. Seine syrische Ehefrau habe er sogar in einer eigenen Wohnung untergebracht - weil seine türkische Erstfrau von der Konkurrenz alles andere als begeistert war.

Polat sieht sich selber auf dem Pfad eines guten Muslims wandeln, auch wenn ihm mancher Islamgelehrte widersprechen dürfte. „Nach der Scharia darf ein Muslim vier Ehefrauen haben“, sagt Polat. Wenn die Erstfrau zu viel rede, wenn sie sich zu sehr in die Angelegenheiten des Mannes einmische, wenn es im Bett nicht mehr laufe - dann könne der Ausweg ja nicht sein, ins Bordell zu gehen. Das verstoße nämlich gegen den Koran, sagt Polat - anders als eine Zweitfrau, auch wenn der Erstfrau das natürlich nicht gefalle. „Deswegen sagen wir, lieber ziehen wir den Zorn der Frau auf uns als den Zorn Gottes.“

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