AMSTERDAM/ISTANBUL - Zwischen Jubel und Verzweiflung lag weniger als eine Stunde. In der Boeing 737-800 der Turkish Airlines, die aus Istanbul kommend beim Landeanflug auf Amsterdam in der Nähe eines Wohngebietes abgestürzt war, hätten alle 134 Menschen an Bord überlebt. Das erklärte das türkische Verkehrsministerium zunächst. Sechs Wochen nach dem „Wunder vom Hudson“ – der Notwasserung eines Airbus in New York, die alle Insassen überlebten, – schien es nun das „Wunder von Holland“ gegeben zu haben.
Doch die Hoffnungen wurden enttäuscht. Mehrere Menschen überlebten das Unglück nicht. Zu den Opfern zählten auch Flugkapitän Hasan Tahsin Arisan, sein Co-Pilot und ein Pilot in der Ausbildung. Das gab der türkische Ministerpräsident Recep Tayyip Erdogan bekannt.
Am Abend wurden Angehörige mit einer Sondermaschine aus der Türkei nach Amsterdam geflogen.
Über die Gründe für die vorschnelle „Rettungsmeldung“ der Turkish Airlines und des türkischen Verkehrsministeriums wurde am Mittwoch heftig spekuliert – auch über die Ursachen des Absturzes. Da konnten die Experten noch so oft mahnen, dass eine belastbare Aussage erst nach Auswertung der Flugschreiber möglich sei. Von Vogelschlag wie beim Airbus auf dem Hudson war die Rede. Aber auch davon, dass
der Boeing der Treibstoff ausgegangen sein könnte. In Schilderungen von Passagieren hieß es, dass die Boeing 737-800 kurz vor der Landung fast wie ein Stein vom Himmel gefallen sei.
„Wir gingen plötzlich in den freien Fall über“, sagte Mustafa Atman. „Es gab Turbulenzen, und nach nur einem Moment sind wir auf dem Boden aufgeprallt“, berichtete Huseyin Sümer. Mustafa Bahec schilderte Szenen des Grauens: „Hinten und vorn sah es aus wie nach einem Blutbad. Diesen Anblick gönne ich meinem schlimmsten Feind nicht.“ Alles sei innerhalb von Sekunden passiert.
Trotz aller Tragik verwies so mancher darauf, dass Amsterdam noch einmal „Glück im Unglück“ hatte – genau wie die vielen Überlebenden an Bord. Denn sofort wurden die Erinnerungen an das bislang schwerste Flugzeugunglück unweit des Flughafens Schiphol wach. Im Oktober 1992 war eine Boeing-747-Frachtmaschine der israelischen Gesellschaft El Al abgestürzt. Nicht über einem Acker, sondern über zwei Hochhäusern des Stadtteils Bijlmermeer. 43 Menschen kamen damals ums Leben.
