Paderborn - Wenn Angelika W. darüber spricht, wie sie und ihr Ex-Mann jahrelang immer wieder Frauen quälten und wie Leibeigene hielten, klingt sie sachlich als spräche sie über ungezogene Kinder des Nachbarn. Bevor sie handgreiflich geworden sei, habe sie den Frauen schließlich zigmal erklärt, dass man dem mitangeklagten Wilfried W. zu gehorchen habe.
Taten sie es nicht, war es nach ihren nüchternen Schilderungen nur folgerichtig, dass sie die Frauen bestrafte. Um seine Erwartungen zu erfüllen, wie sie einerseits sagt. Sie sei aber auch handgreiflich geworden, um Ruhe zu haben. „Wenn die es nicht begreifen, hat man einfach irgendwann die Faxen dicke.“
Es ist der vierte Tag, an dem die Angeklagte vor dem Landgericht Paderborn über die Geschehnisse im sogenannten „Horror-Haus“ von Höxter aussagt. Wilfried und Angelika W. müssen sich dort seit Oktober wegen zweifachen Mordes verantworten: Über Jahre hinweg soll das geschiedene Paar Frauen auf den ostwestfälischen Hof im kleinen Ort Höxter-Bosseborn gelockt und sie schwer misshandelt haben. Zwei Frauen starben - 2014 zunächst Anika W. aus dem niedersächsischen Uslar. Der Tod von Susanne F. aus Bad Gandersheim im Krankenhaus im April dieses Jahres brachte schließlich die Ermittlungen ins Rollen. Es ist vor allem ihre Leidenszeit, zu denen Angelika W. an diesem Dienstag befragt wird.
Ohne ersichtliche Erschütterung über das eigene Tun redet sie stundenlang. Mit welcher Selbstverständlichkeit sie Gewalt nicht nur erduldete, sondern auch anderen zufügte, entlarvt Angelika W. immer wieder mit ihrer Sprache. Spricht sie über die Opfer, nennt sie sie oft einfach „Frau“, nicht beim Namen und ohne bestimmten Artikel als seien sie austauschbar. Unrechtsbewusstsein zeigt sie nicht: Sie habe jahrelang Ärger mit den Frauen gehabt. Weil sie nicht spurten, sich einnässten, ihren Wilfried nervten.
Die Fragen des Richter zielen - genau wie die später unbeantworteten von Wilfried W.’s Verteidiger - immer wieder auch auf die Rollenverteilung des Duos ab. Wer war treibende Kraft? Hat er sie angestiftet? Was trieb sie an? Liebe etwa? Angst vor Entdeckung? Hätte sie sich entziehen können?
Wilfried W. sei derjenige gewesen, der Probleme mit den Frauen ansprach, sie entwickelte Lösungen, erklärt sie. Wenn er sich durch die Toilettengänge der Frau gestört fühlte, fesselte sie sie. Weil sie sich dennoch einnässte, bastelte sie Susanne F. Windeln aus Plastiktüten. Wilfried W. habe sie in der Hand gehabt, sagt sie. Habe gedroht, sie anzuzeigen. Gleichzeitig scheint sie sich in der Rolle jener Frau zu gefallen, die anders ist als die anderen: „Es gab eine Zeit, da hab ich geglaubt es sei ein Liebesbeweis, dass er mich nur so gewürgt hat, dass ich immer überlebte.“
Wilfried W. hört aufmerksam zu, macht sich seitenweise Notizen. Am Rande der Verhandlung merkt sein Anwalt an, sein Mandant sehe alles ganz anders, verstehe nicht, warum Angelika W. diese Lügengeschichten erzähle. Bislang hat Wilfried W. vor Gericht geschwiegen. „Ich gehe davon aus, dass er aussagen wird, aber zu einem späteren Zeitpunkt.“
Wann der kommen könnte, ist unklar. Auch am kommenden Prozesstag in einer Woche wird Angelika W. weiter ihre Sicht der Dinge schildern.
